Von Peter Urban

Daß der große russische Roman des neunzehnten Jahrhunderts zu den unerklärten Phänomenen in der Literatur zählt, hat seinen guten Grund: Für gar nicht wenige Leser beginnt russische Literatur erst mit Tolstoj und Dostojewskij, für manchen mit Puschkin. Wo aber hätte Literatur aus dem heiteren Himmel einer fünfzigjährigen Tradition so viele bedeutende Werke der Weltliteratur hervorgebracht?

Indessen fehlt es auch in Rußland nicht an alter Tradition. Nur ist sie in Deutschland bisher immer nur stiefmütterlich behandelt, wenn nicht gar völlig ignoriert worden – wie man sich jetzt überzeugen kann: sehr zu Unrecht und zu unserem eigenen Nachteil. Die Anthologie

„O Bojan, du Nachtigall der alten Zeit“ – Sieben Jahrhunderte altrussischer Literatur, herausgegeben von Helmut Graßhoff, Klaus Müller und Gottfried Sturm; Verlag Heinrich Scheffler, Frankfurt; 624 S., 16 Abb. 19,80 DM

vom (Ost)-Berliner Rütten & Loening Verlag in Lizenz übernommen, zeigt die Quellen auf und widerlegt die Lüge vom geschichts- und kulturlosen Dahindämmern der Ostslawen mit Nachdruck.

Das – allerdings recht knappe – Vorwort von Helmut Graßhoff führt den Leser zurück zu den Anfängen altrussischen Schrifttums im Kiewer Reich, in die Welt eines christlich-byzantinischen, von Slawen getragenen Feudalstaates, der nach dreihundertjährigem Bestehen im dreizehnten Jahrhundert dem Ansturm der Tataren nicht gewachsen war. Die oft beschworene Uneinigkeit der russischen Herrscher hatte den Untergang, doch auch die Renaissance bereits vorbereitet. Während die Kiewer Großfürsten im Süden Rivalen niederkämpften, entstanden im Norden Städte und Reiche, die im vierzehnten Jahrhundert das Erbe des Südens antreten sollten; und wie ein historisches Symbol mutet es an, wenn sich im Jahre 1242, als Kiew den Tataren in die Hände fiel, Alexander Newskij auf dem Peipussee westlicher Eroberer erwehrte. Beide Ereignisse, die vernichtende Niederlage Kiews und der Kampf gegen die räuberischen „Lateiner“, hinterließen im russischen Geistesleben tiefe Spuren. Noch im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, als die Handelsrepublik Nowgorod längst den Moskauern gehörte (Kiew jedoch noch nicht aus polnisch-katholischer Herrschaft befreit worden war), bestimmte das Gefühl der Isolierung im „rechtgläubigen“ Moskau, im „Dritten Rom“, Politik und Literatur.

Die ganze Zeit über war die Literatur produktiv, war beinahe ohne Ausnahme politisch tendenziös (darauf hätte man sehr viel kritischer, vor allem konkret hinweisen sollen), war reichhaltig und lebendig. Und es bedarf keiner Beweise dafür, daß aus dem vorliegenden Material gut und gern zwei Bücher hätten werden können – den besten Beweis liefert die Anthologie selbst.