Erstgeborene und Einzelkinder haben es leichter, im späteren Leben zu Ruhm und Erfolg zu gelangen als die nachfolgenden Sprößlinge einer Familie. Zuerst war es Sir Francis Galton, der im Jahre 1874 diese Vermutung in seiner Schrift "English Men of Science" äußerte. Davon angeregt durchforschte sein Landsmann Havelock Ellis um die Jahrhundertwende 66 Bände des "Dictionary of National Biography". Er prüfte die Lebensläufe von 975 Männern und 55 Frauen, denen in diesem biographischen Verzeichnis berühmter Briten mehr als zwei Seiten gewidmet waren, wobei er, um Fehler auszuschalten, "vorsichtshalber die Angehörigen des Adels ausließ und auch solche Personen nicht berücksichtigte, die offensichtlich mehr von sich reden gemacht als etwas geleistet haben". Auch seine Statistik zeigte, daß der Anteil der ältesten Kinder einer Familie an den "Genies" wesentlich größer war als der Prozentsatz jüngerer Geschwister.

Inzwischen hat eine Reihe von Forschern wesentlich umfangreichere und mit modernen statistischen Methoden durchgeführte Untersuchungen dieser Art vorgenommen. Sie ergaben ausnahmslos: Die Erstgeborenen sind auffallend stark in der Gruppe derjenigen vertreten, die es im geistigen Leben besonders weit gebracht haben.

Professor William D. Altus von der Universität Kalifornien (Santa Barbara Campus) analysiert in der Wochenzeitschrift "Science" (7. Januar) die wichtigsten dieser Studien, an denen er sich seit einigen Jahren auch selbst intensiv beteiligt hat.

Einen biologischen Grund für die besseren Voraussetzungen, die das ältere Kind für eine wissenschaftliche oder politische Karriere mitzubringen scheint, kann es nicht geben.

Es kommen also nur Umwelteinflüsse in Betracht: Das erste Kind einer Familie ist eine Zeitlang Einzelkind und genießt daher in den ersten Lebensjahren die ungeteilte Aufmerksamkeit der Eltern; seine verschiedenen Entwicklungsphasen sind für Vater und Mutter neue und daher besonders interessante Erfahrungen; früh wird dem Ältesten die Verantwortung für jüngere Geschwister aufgetragen. All dies mag akzelerierend auf die geistige Entwicklung wirken. Vielleicht spielt aber auch die Tradition eine Rolle, die den ältesten Sohn zum Kronprinzen der Familie kürt; er übernimmt den väterlichen Hof, das Geschäft, die Praxis; er soll wenigstens studieren, wenn das Geld schon nicht für alle reicht; er profitiert am meisten von dem Wunsch der Eltern, daß es ihre Kinder einmal besser als sie selbst haben sollen.

So läßt sich eine Reihe von Gründen dafür anführen, daß unter den prominenten Männern und Frauen die einzigen und die ältesten Kinder einer Familie mit einem Anteil vertreten sind, der signifikant größer ist, als bei Zufallsverteilung zu erwarten wäre.

Doch welche der frühen Umwelteinflüsse sind dafür tatsächlich verantwortlich? Hierüber gibt es Vermutungen, die zum Teil auf Spekulationen, teils auf tiefenpsychologischen – also notwendigerweise auf hypothetischen psychischen Modellen basierenden – Diagnosen beruhen. Streng wissenschaftlich kann man eine Antwort nur erwarten, wenn es möglich ist, den einen oder anderen möglichen Umweltfaktor definitiv auszuschließen.