Von Marcel Reich-Ranicki

Ob wir mitwirken oder nur zusehen oder wegsehen wollen, ob wir Rollen spielen, Statisten sind oder uns für Souffleure halten – die Politik ist unser Schicksal. Den deutschen Dramatikern braucht man dies heutzutage nicht mehr zu sagen: Peter Weiss, Walser und Hacks, Hochhuth und Kipphardt, Lenz und Michelsen – sie alle betrachten die Schaubühne als eine moralpolitische Anstalt. Das Individuum und die Macht – so lautet ihr Thema.

Dieser Frage wendet sich mit einem „deutschen Trauerspiel“ jetzt auch Günter Grass zu. Nach mehreren Stücken, die noch als Nebenarbeiten des Romanciers gelten konnten, legt er nun ein Werk vor, in das er offensichtlich seine ganze Kraft und Energie investiert hat.

Was ist das Thema des Stückes?

Arbeiter revoltieren gegen Ungerechtigkeit und Ausbeutung. Da es aber Arbeiter aus dem Volk der Dichter und Denker sind, gehen sie zu einem berühmten Dichter, damit er ihnen ein Manifest formuliere. Sie lassen sich in stundenlange Gespräche mit dem Poeten ein, verlieren kostbare Zeit, reden statt zu handeln, sind bieder und naiv, unbeholfen und rührend, wissen kaum, was sie eigentlich wollen und machen durch ihr Verhalten deutlich, daß der führungslose Arbeiteraufstand vom ersten Augenblick an zum Scheitern verurteilt war. Ein Stück also über die deutsche Revolution.

Jener Poet möchte mit seiner Dichtung und seinem Theater die Welt verändern. Da aber die Menschen, die die Veränderung erkämpfen wollen, zu ihm kommen, leibhaftig vor ihm stehen, sind sie für ihn nur Anschauungsmaterial, nützlich für die Proben des Aufstands römischer Plebejer in Shakespeares „Coriolan“. Die Redewendungen der Arbeiter interessieren ihn, nicht ihre Sorgen und Absichten. Der den Kampf gegen die Unterdrückung predigt und besingt, ist überhaupt nicht mehr imstande, diesen Kampf zu begreifen. Oder tut er nur so, weil er von ihm nichts wissen will? Ein Stück also über das Thema: Literatur und Wirklichkeit, Theater und Leben.

Und zugleich ein Drama über den Intellektuellen in der Diktatur, über sein Verhältnis zur Macht einerseits und zum einfachen Volk andererseits, über seine Funktion und seine Moral.