Von F. K. Mathys

Der Skisprung, der uns immer wieder fasziniert, hat sich vom bescheidenen Hüpfen zum wunderbaren Weitflug entwickelt. Genau wie im Langlauf waren auch hier in dieser „nordischen“ Disziplin die Norweger die Vorbilder. Die älteste Nachricht von einem „Sprunglauf“ stammt aus dem Jahre 1796, selbstverständlich aus Norwegen. Die ausführlichste Schilderung hingegen besitzen wir von einem Abfahrtsrennen in Grörud am 1. Februar 1862. Sie sei hier wörtlich wiedergegeben: „Am Nachmittage des Skiwerbetages unterhielt man sich mit Skilaufen an den Hängen bei Grefsen. Hier wagten einige junge Leute, über eine neun Fuß hohe Mauer zu fahren.“ Zu dem in „Illustrede Nyhetsblad“ in Christiania gleichzeitig wiedergegebenen Bild heißt es weiter: „Nicht wahr, das sieht fein und keck aus, wie da die Jugend sicher in voller Fahrt über den Absturz fährt? Dazu muß man schon Muskelkraft, Haltung und Standsicherheit besitzen. Im Mondschein fuhr man endlich zur Stadt zurück, wo der Berichterstatter dann noch der Hoffnung Ausdruck gibt, es sollen andere und bessere Federn mehr von solchen Unterhaltungen berichten und Eltern, Jugend, Schulen und Ärzte sich des Freiluftlebens auf Ski und Schlitten annehmen.“

In seinem Buch „Auf Schneeschuhen durch Grönland“, das sich als einzigartige Propaganda für den Skilauf erwies, beschrieb Nansen 1891 den Telemarksprung, den er mit der Bezeichnung Luftsprung versah, obwohl er nur in sehr bescheidenem Ausmaße war. „Einige halten sich in der Luft gerade“, schreibt er, „andere ziehen die Beine unter sich. Beim Absprung wird das rechte vor das linke Bein geschoben und gebeugt.“ Nansen schob das Hauptverdienst für das Springen den Telemarkern zu, die schon damals von künstlichen und natürlichen Schanzen aus 20 und 25 Meter weit sprangen.

Vater des Tiefweitsprunges sollte der Norweger Sondre Auerson Nordheim werden, der von einem Felsblock aus 30 Meter weit sprang, ohne zu Fall zu kommen. Er hat wohl als erster die beste Form der Aufsprungbahn entdeckt, hielt sich als erster nicht mehr geknickt, sondern kerzengerade und sprang ohne Stock. Seinen Dreißigmetersprung vollführte er 1860, er hielt diesen Rekord über drei Jahrzehnte hinweg. Nordheim wanderte in die USA aus. Früher als bei uns haben die Norweger nicht nur den Skilauf, sondern auch den Skisprung in der Neuen Welt, besonders in den Goldgräberdistrikten propagiert und eingeführt. Die beiden norwegischen Schuhmacherlehrlinge Torjus und Mikkel Hemmestveidt demonstrierten ihre Springkünste in Michigan und Minnesota zu einer Zeit, wo man in Mitteleuropa noch kaum den Ski kannte. Nachdem sie 1883 als Sieger aus dem ersten, seither klassisch gewordenen Holmenkol-Rennen hervorgingen und den Königspokal bekamen, der nur dieses eine Mal doppelt vergeben wurde, wanderten auch sie nach Amerika aus. Dort wurde Mikkel Hemmestveidt erster Sieger beim Skispringen in Ishpeming (Michigan) Anno 1887, während sein Bruder Torjus 1890 in Red Wing (Minnesota) im Springen siegte. Die Leistungen der beiden Brüder galten als das Nonplusultra des Skisprungs und wurden nicht nur in der amerikanischen, sondern auch in der europäischen Presse gefeiert und auch in Bildern verherrlicht.

Fritz Huitfeld, der Vater des modernen norwegischen Skilaufs, der durch die nach ihm benannte Bindung weit über seine Heimat hinaus bekanntgeworden ist, schilderte das Auftreten eines der ersten Springer beim Husebyrennen folgendermaßen: „Ohne Stock, schmalspurig, leicht und behend überwand der Schusterjunge aus Telemarken die Unebenheiten des Geländes. Elastisch wie eine Feder nahm er den Absprung von der Schanze vor, und ruhig wie ein Vogel schwebte er dahin. Eine kleine Beugung der Knie, und nach einem Augenblick war er gelandet und machte einen eleganten Telemarkschwung. Wie ein Meteor ging er nieder unter die erstaunte Menge, die wie verhext dastand. Es war wie eine Vision! Man schrie, man rief, man schaute umher und lachte, man konnte das Ge-Himmel, kaum fassen. Ein Jubelruf stieg zum Himmel, daß die Luft erzitterte und die Bäume um den Huseby-Hügel erbebten. Eine neue Ära für den Sport war angebrochen, dessen Großgleichen und Macht in der weiten Welt ihresgleichen suchten, und man begriff, daß hier etwas Besonderes geschehen war...“

In Zentraleuropa war es damals mit dem Skisprung noch nicht weit her. Wohl eines der ersten Rennen mit der neuen „Spezialität“ fand nicht etwa in den Alpen statt, sondern wurde vom Skiklub Todtnau im Winter 1892/93 auf dem Feldberg abgehalten. „Am Tännli“ wurde der erste „Sprunglauf“ von einer zwei Meter hohen Schanze mit Absprung in flachem Gelände absolviert. Die vergilbten Photographien jener Epoche sind wegen der „Haltung“ der Springer eine köstliche Rarität. Wenige Jahre später demonstrierte der Norweger Bjarne Nielsen die ersten wirklich klassischen Sprünge von 17 Metern am Jägermatthügel im Schwarzwald, er fand unter den jungen Skiläufern gelehrige Schüler und Anhänger, so daß am ersten schweizerischen Skirennen auf dem Gurten O. Mayer vom Feldbergerhof 14,75 Meter „stand“ und damit Sieger des Tages wurde. 1893 demonstrierte der Norweger Samson, der in Wien in der Bäckerlehre war, beim Wettlauf des österreichischen Skilaufvereins in Mürzzuschlag Sprünge von einem 2,5 Meter hohen Wall über 6 bis 8 Meter und erntete dafür hohe Anerkennung. Im nächsten Jahre wurden schon Weiten von 20 Meter erzielt. 1902 zeigte Nils Gjestvang in Modum einen Sprung von 41 Meter und 1909 der Amerikaner H. Smith in Davos einen solchen von 45 Meter...

Aber erst nach Beendigung des Krieges von 1914 bis 1918 nahm der Skisport seinen enormen Aufschwung. In allen Armeen der zentraleuropäischen Staaten hatte man während der Kämpfe in den Alpen Skiläufertruppen aufgestellt und die Soldaten zu begeisterten Freunden der langen Bretter gemacht. Auch nach der Dienstzeit blieben sie dem neuen Wintersport treu und bildeten die Elite einer ersten Skifahrergeneration. Ski, Bindung, Wachsen, Lauftechnik erfuhren ebensolche Verbesserungen und Perfektionierung wie der Bau von Schanzen und die Sprungtechnik. War man früher, wie einer der prominentesten Vertreter der älteren Sprungart, der in der Schweiz als „Skiinstruktor“ wirkende Leif Berg, nach nicht allzu scharfem, geducktem Anlauf kraftvoll vom Schanzentisch weggeschnellt und mit gestrecktem Körper, der zu den Skiern einen rechten Winkel bilden mußte, durch die Luft gesaust, so sah man jetzt ein, daß der starke Luftwiderstand sehr weite Sprünge auf diese Weise unmöglich machte. Die Norweger Thulin Thams und Sigmund Ruud entwickelten dann einen neuen Stil, indem sie mit dem in den Hüften geknickten Oberkörper und weiter Vorlage eine Art Gleitflug erzielten. Diese aerodynamische Technik setzte sich durch und erlaubte bald Sprünge von weit über hundert Metern.