Viele Tausende wurden jährlich Opfer jenerrätselhaften, fast immer tödlichen Krankheit. Man hatte sich schon daran gewöhnt. Auffallend blieb nur, daß sie in Krankenhäusern, vor allem in Universitätskliniken, so sehr viel häufiger auftrat. Oft starben dort von hundert Personen (es waren nie Männer) mehr als zehn! Dabei waren sie nicht etwa mit jener Krankheit eingeliefert worden – sie hatten sie dort erst bekommen.

Die Ursache der Krankheit fand ein junger Assistenzarzt heraus. Und zugleich wußte er gegen diese so überraschend einfache Ursache ein noch einfacheres Mittel. Es gelang ihm, auf seiner Krankenstation die Sterbequote von mehr als elf Prozent auf etwa drei Prozent zu senken. Das war ein sensationeller und höchst erfreulicher Erfolg. Statistisch gesehen, hatte der junge Arzt in einem Jahr einige Hundert vor der gefürchteten Krankheit und dem sicheren Tode bewahrt. Und damit sein Erfolg ein Sieg für die ganze Menschheit würde, veröffentlichte er seine Erfahrungen (zunächst nicht er selber, der Assistenzarzt, sondern sein ehemaliger Lehrer, ein angesehener Dermatologe).

Doch niemand nahm die Sache ernst. Vielleicht schien die Lösung zu einfach. Entscheidender aber war wohl, daß sie trotz aller Einfachheit eine radikale Wendung in der Medizin bedeutete, einen Bruch mit jahrhundertealten Gewohnheiten. Außerdem war für ihre Richtigkeit vorerst nicht der direkte Beweis zu erbringen, sondern nur ein indirekter: Wenn man dieses und jenes tat, dann trat die Krankheit nicht auf. Aber warum das so war, konnte man noch nicht erklären.

Der junge Arzt arbeitete weiter. Er entwickelte eine Theorie. Aber seine Veröffentlichung, eine ausführliche Arbeit über jene Krankheit, ihre Entstehung und ihre Verhütung, wurde von dem damals führenden Pathologen in Grund und Boden verdammt, er selber als Phantast verspottet.

Dennoch sprach sich die medizinische Fakultät der Universität, der die Klinik angeschlossen war, für eine Untersuchung aus: Die Ergebnisse sollten überprüft, die als Vorbeugung angewandten Mittel zur Kontrolle auch auf anderen Stationen versucht werden. Da aber verfielen die Gegner des Arztes – und in seiner unerbittlichen Art hatte sich der Mann inzwischen sehr viele Gegner gemacht – auf einen noch heute (oder heute wieder) beliebten Trick: Sie ließen durchblicken, daß der Mann möglicherweise politisch suspekt sei; immerhin habe er 1848 mit der Revolution sympathisiert, stehe also wohl etwas weit links! Da wurde die Fakultät unsicher, und die Untersuchung fand nicht statt.

Aber dies fand statt: Noch viele Jahre lang starben Tausende, wenn nicht Hunderttausende an jener Krankheit, bis man endlich erkannte, daß der Mann recht gehabt hatte, auch mit seiner Theorie. Inzwischen war auch er schon gestorben, in einem Irrenhaus. Wer war es?

Die Auflösung und eine neue Geschichte von Tratschke lesen Sie in der nächsten Ausgabe. Die beiden Männer, nach denen in der vergangenen Folge gefragt wurde, waren Friedrich der Große und Casanova, der drauf und dran war, in Potsdam als Erzieher an die Kadettenschule des Königs zu gehen.