Barock zu sein, ist heute ein Synonym für „österreichisch“ sein: Maria Theresia ist barock, Doderers „Strudlhofstiege“ ist barock, Musil ist barock, das ist gut, das klingt groß, das meint weitschweifig, aber man hat nichts Böses gesagt und muß die dicken Wälzer gar nicht erst lesen. So lobt man gedankenlos mit „barock“ den großartigen Herzmanovsky tot und gibt Unlesbarem eine milde Gloriole abendländischen Spätglanzes.

Es kümmert uns jetzt nicht, wie barock barock ist, auch nicht, ob barock das einzige ist, was man zur österreichischen Nationalkunst sagen kann. Nur: wie barock darf man sein, wenn man auch international gut sein will? Der Roman von

Otto F. Beer: „Ich, Rodolfo, Magier“; Langen-Müller Verlag, München Wien; 373 S., 19,80 DM

ließe sich besonders leicht mit „barock“ abtun: Der Held ist ein echter Zauberer, er lebt zwischen Sinnenlust und Todesliebe, er liebt Damen mythischen Charakters, betrachtet sein Leben als Spiel auf der Bühne des Welttheaters, kämpft mit seiner ebenfalls zaubernden Ehefrau magische Eifersuchtsgefechte und beschreibt seinen eigenen Tod. Diese Geschichte ist auf jeden Fall einfallsreich und weitschweifig; gleichzeitig ist sie aber auch ehrgeizig und beschwört die Zeitkulisse. Des Zauberers Vater ist SS-Blut-und-Boden-Forscher, der Zauberer liebt eine Resistancelerin und soll seine Zauberkraft für Canaris wirksam einsetzen. Rodolfos absolute Fähigkeit, durch Wände zu schreiten, Gegenstände in sich selbst verschwinden zu lassen und sich in zwei Personen zu spalten, soll offenbar durch seine absolute Unfähigkeit kontrapunktiert werden, etwas an der historischen Wirklichkeit ändern zu können.

Der Autor aber konnte sich nicht entscheiden, ob er – mit dem Magier als Held der Geschichte – die Realität auf den Kopf stellen oder ob er – mit der Realität als Heldin – das Individuum als zappelnden Popanz schildern wollte. Und ob er an seinem strahlend eleganten Zauberhelden die anderen als schwerfällige Fadianer enthüllen wollte oder ob er dem selbstgefälligen, egoistischen, menschenverachtenden Zauberer den Tod als Strafe am Schluß selber aus ganzem Herzen gönnt. Weder Zauberposse also noch magische Satire.

Dieser Unentschiedenheit folgt Unklarheit im Stil. Sie versteckt sich hinter Wortkaskaden und klischeestarrenden Redewendungen. Die geschraubt ten, altväterlichen Satzperioden verderben die verlockendsten Ideen, machen aus dem Spaß ein Problem und aus dem Einfall eine Abhandlung.

Es ist ein Roman in der Tradition jener Literatur, in der Frauen silbern lachen und Männer geistreich reden. Für sein Genre ist es ein amüsantes Exemplar, für Leser, die noch die Geduld besitzen, sich langsam von Aperçu zu Aperçu durchzuarbeiten. Vergleicht man es jedoch mit etwas modernerer Unterhaltungslektüre, so muß man sich eingestehen, wie gefährlich es ist, „barock“ als lobendes Adjektiv mißzuverstehen. Es ist nichts als eine höfliche Floskel für etwas, das nicht einmal die Beachtung echter Kritik verdient.