Washington, im Januar

Nirgendwo wird das Wort Krise – crisis – so häufig verwendet wie in den Vereinigten Staaten, oft freilich für die banalsten Vorgänge. Das Wort, in dem sich Lust am Dramatisieren äußert, wird in Europa zu leicht für bare Münze genommen. Wenn auch die Amerikaner wie jede Nation an Problemen und Problemchen zu nagen haben, wenn sie auch in nahezu alle Händel der Welt verstrickt sind, wenn sie auch noch viel zu tun haben, bis ihr Sozialgefüge ausgeglichen ist – sie sind doch das Volk, das sich in einem kontinuierlichen Aufschwung ohnegleichen befindet. Die Frage für Amerika heißt nicht, wie es seiner Gebrechen Herr werden, sondern wie es das Übermaß an Wohlstand, technischem Fortschritt und Konzentration an Kenntnissen und Macht für seine Bevölkerung und für andere Kontinente einsetzen kann.

Lassen wir einige Daten aus der Erfolgsstatistik Amerikas an uns vorüberziehen. Die Arbeitslosigkeit ist, mitten im Winter, auf 4,1 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung gefallen; das ist der niedrigste Stand seit neun Jahren. Eine Arbeitslosigkeit von vier Prozent wird in den USA als das erreichbare Minimum angesehen. 73 Millionen Amerikaner stehen heute im Arbeitsprozeß – mehr als je zuvor; und zum erstenmal macht sich in einigen Industrien – entgegen allen düsteren Prophezeiungen über die verhängnisvollen Folgen der fortschreitenden Automatisierung – ein Mangel an Arbeitskräften fühlbar. Auf jeden Amerikaner, Mann, Frau und Kind, entfällt statistisch ein Jahreseinkommen von 2706 Dollar. Das Sozialprodukt hat bei einer Zuwachsrate von 5,3 Prozent im vergangenen Jahr die astronomische Summe von 675 Milliarden Dollar an Gütern und Dienstleistungen erreicht, und die Voraussagen für dieses Jahr lassen einen weiteren Anstieg auf 715 bis 735 Milliarden Dollar als sicher erscheinen. Der Krieg in Vietnam, so sprunghaft seine Kosten in die Höhe schnellten, verzehrt davon dennoch nicht mehr als etwa anderthalb Prozent.

Seit fünf Jahren verzeichnen die USA eine von keiner Rezession beeinträchtigte Konjunktur mit stets expandierendem Konsum; seit dem Koreakrieg hat sich das Volkseinkommen verdoppelt. Manchmal mögen Zweifel aufsteigen, ob das immer so weitergehen wird. Schließlich kann niemand zugleich mehr als ein Auto fahren, mehr als ein Telephon oder eine Badewanne benutzen. Doch auch das ist ein Irrtum. Wer genug gefahren ist, geht zum Fliegen über, wer die Schwarz-Weiß-Malerei des Fernsehens satt hat, kauft sich ein Farbfernsehgerät, und wer früher in den Ferien nach Florida reiste, fährt in diesem Jahr nach Indien oder Hongkong. Variation und Bereicherung des amerikanischen Normalverbrauches und seine Ergänzung durch immer mehr verfeinerten Luxuskonsum kennen keine sichtbare Grenze. Amerika ist reich und selbstzufrieden.

Zu reich, zu selbstzufrieden? Wohl ist die amerikanische Nation noch bewegt von Fluktuation, da sich in ihr das Mittelbürgertum die Lebensgewohnheiten der Reichen von gestern und das Proletariat die des Vorstadtbürgertums von heute aneignen will. Aber gerade hat Präsident Johnson in seiner Jahresbotschaft über die Lage Amerikas, die State of the union message, die Verstärkung des Feldzuges gegen die Armut, entschiedenere Maßnahmen zur Sanierung der Großstädte und revolutionäre Neuerungen im Verkehrswesen fordern müssen. Gerade hat Martin Luther King, der farbige Bürgerrechtsführer, für dieses Jahr eine Musterkampagne zur Eingliederung der schwarzen Slumsbewohner in das Wirtschaftsleben von Chikago angekündigt. Das amerikanische Rassenproblem verlagert sich von der rechtlichen auf die soziale Gleichstellung, und die Reibungen werden nicht geringer sein als bei der Bürgerrechtskampagne der vergangenen Jahre.

Eine fast totale und ebenso planlose Verstädterung der Amerikaner läßt die städtische Zivilisation an ihren eigenen Bequemlichkeiten langsam ersticken. Die Verkehrsprobleme rauben dem Berufstätigen mehr freie Zeit, als der beste Tarifvertrag mit Arbeitswochen bis hinab zu 32 Stunden ihm schenken kann. Die Sanierung altstädtischer Zentren – urban renewal – kommt oft nur einer raffgierigen Geschäftswelt zugute und läßt am Stadtrand neue Slums der aus dem Stadtkern Vertriebenen entstehen.

Aber das Leistungsvermögen der Amerikaner ist nicht erschlafft. Sensationelle Triumphe in Raumfahrt und Raumforschung, stille, aber ebenso großartige Fortschritte in der Nutzung der Kernenergie für die Wirtschaft gehen mit einem sich ständig erweiternden Vorsprung vor anderen Industrienationen in Chemie, Medizin, Elektronik und dem Management großer Unternehmen Hand in Hand. Daneben freilich gibt es eine lähmende Konformität im politischen Denken, die nur von gelegentlichen Rebellionen in der akademischen Welt und dem Protest einer Handvoll Berufspolitiker aufgeschreckt wird. Lyndon Johnson hat mit seiner Politik des consensus, des allseitigen Einvernehmens und der beglückten Zufriedenheit mit den Entschlüssen des Präsidenten, eine Atmosphäre muffiger Behaglichkeit geschaffen.