Von Uwe Nettelbeck

Torrance, der immer Hunger hatte, den Hut im Nacken und die Füße meistens auf dem Tisch, der eilfertig und seinem Chef treu ergeben zu allem Ungemach und jeder Plackerei bereit gewesen war – sein letzter Fall kam in der einundfünfzigsten Folge: Maigret fahndete nach Pierre, dem Letten, dem Zwilling, der sich eines Bruders, der ihn trat, gewaltsam entledigt hatte, und fand dabei auch den hinterlistigen Mörder des treuen Helfers, einen fremdländischen Burschen, der die Kreatur eines fremdländischen feinen Pinkels war. Zum erstenmal drohte Maigrets Stimme zu brechen, es schien, als würde er sich vergessen, sein Arm erhob sich schon zum Schlag. Er wünschte dem Erwischten die Guillotine mit Ingrimm, er sprach von Rache, denn das Opfer war diesmal der wackere Polizist, der nichts getan hatte als seinen Dienst. Maigret geriet, der Blessur am Arm durch einen Schuß, der seinem Herzen galt, nicht achtend, außer sich: Er bleibt bis zum umflorten Halali.

Und in der zweiundfünfzigsten Folge dann, der unwiderruflich allerletzten, kam noch einmal ins Lot, was für einen Augenblick aus den Fugen geraten war. Er sei nur ein Kriminalbeamter, sagte Maigret und tat, wie es auch Torrance im unteren Dienstgrad immerdar gehalten hatte, weiterhin seine Pflicht, seinem eben zum Oberinspektor beförderten Adlatus Lucas, dem freundlichen Dauerläufer, aus einer Kombinationsklemme helfend – Maigret als Zuschauer, das Understatement des Titels war eine falsche Fährte, Maigret gab sein Bestes bis zuletzt. Nicht mit der Sühne des Hutnadel-Meuchelmords an Torrance verabschiedete er sich von seinen Fans, sondern mit der Klärung eines Routinefalls unter besonderen Umständen: Lucas, der die schwarze Armbinde schon während der einundfünfzigsten Folge wieder abgestreift hatte, Lucas, dem nicht der Tod im Dienst, sondern die Beförderung zugedacht war, er erwies sich am Ende als geschickt. Zwar nicht als geschickt genug, um seines Meisters schon gänzlich entbehren zu können, aber als so gewissenhaft und emsig doch, daß da Hoffnung war, auch er werde eines Tages ...

Nach zweiundfünfzig Stunden unfehlbarer Recherchen stand es gut um das Ansehen des Amtes am Quai des Orfèvres, zweiundfünfzigmal hatte Maigret das Netz der Ordnungsmacht als ein enggeknüpftes ausgewiesen, ihm war keiner durch die Maschen geschlüpft. Für ein schmales Beamtengehalt hatte er uns sanft gelehrt, daß mit der Polizei nicht Spaßen ist. Und wenn sich dennoch Trauer in den Nekrolog zu mischen hat, so nicht, weil dies vergessen ist, sondern weil mit Maigret, dem rührenden petit bourgeois, der immer so aussah, als wäre er lieber zum Angeln gefahren, dem milden Unerbittlichen, der viel verstand und doch alles ahndete, dem unermüdlichen Restaurateur, der für Ruhe und Ordnung sorgte, weil er den Wein mehr liebte als die Gefahr, weil mit Maigret ein Fernsehdetektiv von uns gegangen ist, der seinesgleichen weder hatte noch so schnell wieder finden wird – Maigret, unser Freund, er besaß Würde und Format.

Seltsames widerfuhr ihm oft. Da war jene strenge Dame aus altem Geschlecht, die ihren mißratenen Sohn mit Anstand zu richten wußte; da war jene flämische Familie, in deren Schoß das Unheil brütete, jene makabre Hochzeit eines Schwachkopfs mit einer wohlhabenden Irren, deren Zustandekommen das Leben der ledigen Kindsmutter gekostet hatte; da waren Morde, unerklärlich und fremd, trieben Habgier oder kranke Eifersucht wunderliche Leute zu noch wunderlicheren Taten. Die bürgerliche Szenerie zeigte sich bevölkert von skurrilen Lemuren, das Sofa, auf dem die Tante nur ermordet werden kann, es kam immer wieder ins Bild. Nein, es gab mehr zu sehen als bloß plane Verbrecherjagden, obschon auch diese nicht fehlten, man sah Maigret und Madame und ihre behütete Wohnung, den braven Mann und die brave Frau, man sah, wie die Unordnung ihr Haupt hob, gruselig und lästig, nicht jeder Sonntagsausflug nahm einen beschaulichen Verlauf. Damit, daß etwas nicht geheuer war, fing es jedesmal an, gerade so, als habe Bloch sein Diktum über den Beginn der Detektivgeschichte angesichts des Kommissars erfunden, und mit der immergleichen Geste, dem gemächlichen Entzünden der Pfeife, ging es jedesmal weiter, auch dies ein Bild zu einem Satz von Bloch, der jenem folgt: „Die Lage ist doch zu gemütlich, in der Detektivgeschichten genossen werden. Im bequemen Sessel, unter der abendlichen Stehlampe, mit Tee, Rum und Tabak, persönlich gut gesichert und ruhevoll in gefährliche Dinge vertieft, die flach sind.“ Und wenn es nie endete, wie es anfing, sondern vertraut und zum beruhigenden Schluß gebracht, so nur, weil die Reinigung der Welt von allem Übel das ewige Sujet eines Genres ist, welches auf der Seite des Guten selber operiert.

Schließlich fiel der Abschied vom Kommissar auch darum schwer, weil seine Stunde, ein melancholisches Intermezzo und eine Koordinationspointe liefernd, in einer Woche schlug, die dem alljährlichen Durbridge des Ersten Programms gehörte, der herwies, was uns geblieben ist: Die Kriminalstücke, die jetzt wieder ins Haus stehen, sie zahlen uns in kleiner Münze heim, daß wir die Schachzüge Maigrets mit Anteilnahme verfolgten. „Melissa“, das war ein Wer-hat-esgetan-Spiel von der Stange, da verriet sich die Lust an der Liquidation des Täters als bieder.

Man hatte sich redliche Mühe gegeben. Die Autos fuhren links, ein altes Gemäuer tauchte im Hintergrund auf, es war von einem cottage eifrig die Rede, der Inspektor ließ sich Cameron nennen und sagte, das Photo hinter sich erklärend, es zeige Scotland Yard von außen – kein Zweifel, die Szene war England, jene neblige Insel also, deren Spinnen die allertüchtigsten sind. Es ging um einen Journalisten, dem das einträgliche Doppelleben seiner Frau entgangen war, um zwei Morde und Erpressung, um einen falschen Verdacht der Polizei und ihr Eingreifen zur rechten Zeit. Der Mörder hieß Felix, umständehalber erschoß man ihn auf der Flucht. Des Inspektors Assistent, der auf. die Frage, warum er bei der Polizei sei, gesagt hatte, es käme eben nicht nur auf das Geld an im Leben, er steckte nach vollbrachter Tat zufrieden die Pistole weg. Es war dies eine Verlegenheitslösung zwar, aber sie empfahl sich, denn seit in Großbritannien die Delinquenten nicht mehr auf die Falltür gestellt werden, mag man sich hierzulande sagen, daß auch dort auf den Strafvollzug kein Verlaß mehr ist: Es war die schnöde Lösung eines spärlich geschlungenen Knotens, die auch Anspruchslose kaum zu befriedigen vermochte – daß der Durbridge langweilig gewesen sei, las man diesmal fast überall.