Von Marcel Reich-Ranicki

Für die Bewunderer des Talents der Anna Seghers – und ich bekenne mich zu ihnen seit vielen Jahren und ohne Reue – war ihr Buch „Die Entscheidung“ ein schwerer Schlag gewesen, am wenigsten allerdings aus politischen oder ideologischen Gründen. Nicht daß sie einen 600-Seiten-Roman zur Feier der SED verfaßt hatte, mußte verwundern, sondern daß auch sie auf jene eigentlich schon kindischen Klischeevorstellungen vom Leben diesseits und jenseits der Elbe, die man in der Regel von den fragwürdigsten DDR-Autoren aufgetischt bekommt, offenbar nicht verzichten konnte.

Dabei gibt es drüben wohl keinen einzigen Schriftsteller, der sich in jeder Hinsicht mehr herausnehmen dürfte und der sich einer größeren Freiheit erfreut als Anna Seghers. Nicht einmal die ihr bisweilen zugeschriebene skurrile Weltfremdheit und etwas rätselhafte Unberechenbarkeit – Eigenschaften also, die nüchternen Politikern überall zuwider sind – vermochten das volle Vertrauen der Parteiführung je nennenswert zu trüben: Längst genießt die Dichterin des „Siebten Kreuzes“ in der DDR den absoluten Denkmalschutz.

Aber um so mehr schien „Die Entscheidung“ eine mitnichten erzwungene oder auch nur geforderte und dennoch fast bedingungslose Kapitulation, die alle als peinlich empfanden. Mit anderen Worten: Während Anna Seghers ebenso aufrichtig wie hartnäckig bemüht war, den von der SED erhofften großen Gegenwartsroman zu schreiben, hatte sie ihre schriftstellerische Selbstkontrolle ganz und gar verloren. In diesem Sinne war der chaotische Roman zu einem unfreiwillig erschütternden Zeitdokument geworden.

Die damals teils heuchlerisch und hämisch, teils besorgt und entsetzt gestellte Frage nach dem weiteren Weg der mit Recht weltberühmten Erzählerin läßt sich jetzt beantworten – ohne daß man auf Spekulationen angewiesen wäre.

Obwohl seit der Veröffentlichung der „Entscheidung“ immerhin fast sieben Jahre vergangen sind, hat Anna Seghers ihre schreckliche Drohung, sie werde dem Roman noch einen zweiten Band folgen lassen, bisher nicht wahr gemacht. Indessen liegen drei andere Bücher vor. Sie bieten nicht gerade meisterhafte oder auch sonderlich gewichtige Arbeiten; vielmehr haben wir es offensichtlich mit kleinen Nebenwerken zu tun. Aber Anna Seghers braucht sich ihrer nicht zu schämen; und man muß nicht unbedingt zwischen den Zeilen ihrer neuen Prosa lesen, um zu erkennen, welche literarische Konsequenzen die Autorin der „Entscheidung“ in aller Stille gezogen hat und wie sie es, vorerst wenigstens, zu halten gedenkt.

Es handelt sich zunächst um das Buch „Das Licht auf dem Galgen“ (1961), eine längere Erzählung, die – zeitlich wie örtlich – in weiter Ferne spielt (auf den Antillen gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts) und den Kampf zweier Franzosen für die Freiheit der Neger nicht ohne Raffinement und Anschaulichkeit darstellt. Das andere Buch scheint mit der unmittelbaren Umwelt der Anna Seghers ebenfalls nicht viel gemein zu haben, denn es enthält (höchst bemerkenswerte) Aufsätze „Über Tolstoi – Über Dostojewskij“ (1963); doch kann man ihnen über die keineswegs weltfremden Sorgen der Autorin kaum weniger entnehmen als über ihre Gegenstände. Und schließlich ist jetzt noch ein Geschichtenband erschienen –

Anna Seghers: „Die Kraft der Schwachen“, neun Erzählungen; Aufbau-Verlag, Berlin (Ost)/Weimar; 183 S., 6,30 DM.

Es ist verständlich, daß die Motive und Themen, die Gestalten und Situationen, die Stimmungen und Tonarten in diesen Erzählungen der Fünfundsechzigjährigen an ihre früheren Bücher erinnern. Aber gerade die Ähnlichkeiten oder sogar Wiederholungen machen den nicht aufdringlichen und doch unverkennbaren Unterschied deutlich: Die Anna Seghers von heute ist ganz gewiß nicht mehr die der fünfziger Jahre. Was hat sich geändert?

Auch in der „Kraft der Schwachen“ gilt ihre besondere Liebe, wie eh und je, den einfachen, mitunter primitiven Menschen. Meist können sie ihre starken Gefühle und ihre wenigen Gedanken kaum ausdrücken. Sie erweisen sich als brav und zuverlässig und herzlich, sie erfüllen immer ihre Pflicht und sind, so unheroisch sie sich geben, zu Heldentaten fähig und zu Opfern bereit. Nur zwei von den neun Geschichten behandeln das Schicksal von Intellektuellen: Einmal ist es ein Journalist, ein andermal ein Lehrer. Doch auch sie kennen keine Zweifel, sie gehen einen geraden Weg, selbst wenn er ins Verderben führt.

Ohne Pathos, fast ohne die Stimme zu heben, berichtet Anna Seghers vom Leben der stillen, kleinen Leute, von den Erniedrigten und Beleidigten, von den Opfern der Weltgeschichte. Im kargen und spröden, meist chronikartigen Duktus tauchen nur selten – und fast immer überraschend – poetische Bilder auf. Diese knappen Prosastücke sind moderne Heldensagen und atheistische Legenden, weltliche Märtyrererzählungen und säkularisierte Passionsgeschichten.

„Der Junge war wirklich beinah vollkommen. Ein Schimmer Gold aus der Haut heraus, aus dem Haar, aus den Augen ... Er glich einem erzürnten, von den Brauen bis zu den Zehen abflugbereiten Engel.“ So der Held der Erzählung „Der Führer“, ein abessinischer Knabe, der drei Geologen, Offiziere der italienischen Invasionsarmee, durch Gebirgsschluchten statt zu unerschlossenen Goldadern in den Tod führt – und dabei selber umkommt. Wie die Schilderung dieses halbwüchsigen Helden an ein Heiligenbild erinnert und offenbar erinnern soll, so endet auch die Geschichte mit einer Art Apothese: „Die Steinklötze ... lösten sich auf, sie wurden im Abenddunst so weich wie Wolken ... Es glühte noch einmal in Goldrot und Goldgrün und Violett, in Haß und Verzweiflung und auch in Triumph. Das Ende fing an zu rauschen. Die Sterne sprangen in den Himmel.“

Immer schon hat das religiöse Element in den Büchern der Anna Seghers eine wesentliche Rolle gespielt: Sie war und ist eine gläubige Schriftstellerin, die im Kommunismus, dem sie seit 1928 die Treue hält, gerade das gefunden hatte, wonach sie sich am meisten sehnte und was sie in ihrer Jugend am meisten benötigte, eine atheistische Religion. Fideistisch wie das ideelle Fundament ihres Werks schienen vor allem die Schlußfolgerungen zu sein, die in der Regel ihren Lesern geboten wurden: Als Antwort auf die Leiden, die realen Niederlagen, die Märtyrertode ihrer Helden hatte sie stets eine metaphysische Pointe in Reserve – den Hinweis auf die Unsterblichkeit des Freiheitskampfes und der Revolution. „Die Toten bleiben jung“, der Titel ihres Romans von 1949, war das programmatische Leitmotiv ihrer Epik.

Gilt das auch für ihre neue Prosa? Sasportas, der Held der Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“, wird am Ende aufgehängt. Von seinem Gefährten heißt es: „Es war ihm zumute, als leuchte ein Licht von der Spitze des Galgens zu ihm herüber ... Es scheint nicht nur zurück aus Sasportas Leben, es scheint auf alle, mit denen Sasportas zu tun gehabt hat.“ So 1961: als visueller Schlußeffekt der Heiligenschein, dem im „Führer“ das goldrot und das goldgrün verbrämte Finale entspricht.

Aber es fällt auf, daß sich Anna Seghers einzig in diesen beiden Erzählungen, die den nationalen Widerstand gegen die koloniale Unterdrückung zu verherrlichen suchen, erlaubt, die irdischen Vorkommnisse auf ihre Art zu transzendieren. Hingegen versagte sie sich in den Geschichten des Bandes „Die Kraft der Schwachen“, die in Europa spielen, jede metaphysische Deutung und Folgerung – von der politischen Nutzanwendung ganz zu schweigen. Es sind Leidensgeschichten ohne Pointen.

Im „Wiedersehen“ hören wir von der Not einer russischen Mutter während des Zweiten Weltkrieges. Die Motive: Flucht, Hunger, Krankheiten, Tod. Ihr halbwüchsiger Sohn ist von den Deutschen erschossen worden. Der Ich-Erzähler, der sie nach Jahren in Moskau trifft, möchte sie trösten, doch kann er ihr nur läppische Phrasen sagen. Im Gedächtnis des Lesers bleiben die Qualen der Mutter, einer sparsam gezeichneten und nahezu mythisch anmutenden Gestalt, und der in Moskau immerhin nicht ganz alltägliche Ort der Wiederbegegnung: Es ist eine alte Kirche.

Eine Mutterfigur steht auch im Mittelpunkt der Geschichte „Agathe Schweigert“. Eine biedere Frau, Inhaberin eines kleinen Kurzwarenladens in einem rheinischen Nest, sucht ihren einzigen Sohn. Er kämpft in den Internationalen Brigaden in Spanien. Bis sie hinkommt, ist er gefallen. Aber sie bleibt dort, arbeitet in einem Militär-Lazarett und flieht dann zusammen mit den geschlagenen Soldaten. Eine politische Geschichte? Wie sich diese Frau nicht darum gekümmert hat, daß die in ihrem Laden feilgehaltenen Sachen „bestickt und bedruckt mit großen und kleinen und winzigen Hakenkreuzen“ waren, so begreift sie auch von den Vorgängen in Spanien nichts. Zwar hört sie immer wieder das Wort „Teruel“, aber „ob es ein Mensch oder ein Ort war, wußte sie nicht“. Sie würde ihrem Sohn natürlich auch dann nachreisen, wenn er bei der Legion Condor wäre. Der Wert, den Anna Seghers hier mit verhaltener Stimme feiert, hat mit Politik und Klassenkampf und Revolution nichts zu tun: Es ist die Mütterlichkeit.

Wenn der Erzählungsband etwas verkündet, dann nur – wie einst im „Siebten Kreuz“ – den Glauben an die Redlichkeit und Rechtschaffenheit des einzelnen, an seine unzerstörbaren herzlichen Gefühle. So findet sich in dieser Sammlung auch eine schöne, einfache Liebesgeschichte („Susi“): Eine deutsche Bauerntochter folgt einem französischen Besatzungssoldaten nach Paris und kann trotz aller ihr bereiteten Enttäuschungen nicht aufhören, ihn zu lieben.

Nur zwei der neuen Erzählungen ragen in das Deutschland der Nachkriegszeit hinein, und beide haben überraschende, symptomatische Schlußakzente.

Im „Schilfrohr“ wird ein 1943 fliehender Antifaschist von einer märkischen Bäuerin gerettet – auch dies übrigens eine völlig unpolitische Tat, lediglich von Mitleid und später Liebe bestimmt. Nach Kriegsschluß verläßt er sie. Als sie es allein nicht mehr aushalten kann, sucht sie ihn in Ostberlin. Doch der Widerstandskämpfer von gestern, der Mann, der dann einen guten Posten „in der neuen Verwaltung“ hatte, ist nach dem Westen geflohen. Mit keinem einzigen Wort verurteilt Anna Seghers den Antifaschisten, der in der Zone nicht leben wollte.

Von einem kommunistischen Lehrer, den die Nazis viele Jahre in Konzentrationslagern gequält hatten, heißt es im „Duell“: „Und auch die Freiheit, als sie dann endlich kam, war bitter gewesen.“ Er hilft einem jungen Arbeiter – die Geschichte spielt 1945 oder 1946 in der Zone – eine Prüfung zu bestehen, was ihm seine weitere Laufbahn ermöglicht. Nach vielen Jahren will dieser Arbeiter, inzwischen Werkleiter geworden, jenen Lehrer besuchen. Es stellt sich heraus, daß er nicht mehr lebt. Die sich aufdrängende Frage nach den Erfahrungen des verbitterten Kommunisten in der DDR bleibt unbeantwortet.

Einer flieht nach dem Westen, ein zweiter muß sterben, die Spur der anderen verliert sich im Krieg oder im Ausland. So bleibt ein Phänomen konsequent ausgespart: die DDR. Und was immer Anna Seghers in diesem Buch erzählt – von dem Optimismus ihrer „Linie“ (1949) oder gar ihrer „Friedensgeschichten“ (1950) ist jetzt nichts mehr zu spüren. Wie in ihrer Epik der zwanziger und dreißiger Jahre sind die Farben düster, die Töne schwermütig, die Akzente bitter.

Und inmitten des Bandes steht „Der Prophet“, die Geschichte vom kommunistischen Journalisten, der während des Krieges in einem Konzentrationslager gezwungen wird, darzustellen, „wie Europa in drei Jahren aussehen würde“. Obwohl er weiß, daß ihm seine Voraussagen nur den Tod bringen können, schreibt er „mit seinen sauberen Buchstaben, die schnörkellos und leicht lesbar waren“, was er wirklich glaubt. Wie sollte man diese Geschichte anders verstehen denn als Bekenntnis und Mahnung der Erzählerin?

Jedenfalls gibt die Sammlung „Die Kraft der Schwachen“ auf die Frage nach der Anna Seghers von heute eine zwar unauffällige und bescheidene, doch unmißverständliche Antwort. Eine Antwort nicht ohne Demut. Nicht ohne Würde.