Deutschlands geteilter Himmel

Gedanken zu einem Ostfilm von Paul Sethe

Von Paul Sethe

Das Mädchen verläßt den Geliebten, obwohl es glaubt, ohne ihn nicht leben zu können. Das Mädchen will in den anderen Teil Deutschlands zurück, aus dem beide gekommen sind. „Den Himmel wenigstens können sie nicht teilen“, sagt der junge Mann seiner Geliebten. „Doch“, antwortet sie voller Trauer, „der Himmel teilt sich zu allererst.“

Diese Szene aus einem Film der DDR, den wir jetzt auch im Westen sehen können, erscheint zunächst flach, künstlerisch nicht gelungen. Aber Tage, nachdem man den Film gesehen hat, entdeckt man, daß sie haften geblieben ist, so wie der ganze Film nicht aufhört, einen zu beschäftigen. Das liegt daran, daß sich in dieser Szene die deutsche Wirklichkeit spiegelt.

Anzeige

Der Film ist nach dem Buch „Der geteilte Himmel“ von Christa Wolf gedreht worden. Der Roman ist jetzt zwei Jahre alt und hat in dieser Zeit in der DDR eine Auflage von 225 000 Exemplaren erlebt. Zieht man die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik zum Vergleich heran, so entspricht das einer Auflage von 800 000. Der Roman und der Film gehören zu den größten Erfolgen, die durch ein Buch oder über die Leinwand jemals in der DDR erzielt worden sind. Die geistige Elite, Facharbeiter, Studenten, Ärzte, Rechtsanwälte, Ingenieure sprechen davon. Offensichtlich finden sie ihre Gedanken und ihre Pein, ihre Sorgen und ihre Hoffnungen in diesem Film wieder.

Das Buch und der Film erzählen von der Liebe zwischen einem jungen Doktor der Chemie und einer Studentin, die gleichzeitig Arbeiterin in einer Waggonfabrik ist. Der Geliebte, kein Gegner des Kommunismus, aber eine sehr empfindliche Natur, reibt sich wund an Enge und Beschränktheit. Als sein neues, Zukunft verheißendes industrielles Verfahren abgelehnt wird, weil eifersüchtige oder beschränkte Geister es nicht wollen, setzt er sich ab nach Westberlin. (Der Film spielt in der Zeit vor der Errichtung der Mauer.) Seine Freundin folgt ihm zunächst, spürt dann aber, daß es Untreue wäre, die Sache zu verraten, an die sie glaubt, trotz allen Bedrängnissen und seelischen Enttäuschungen.

Es ist bei den Sachverständigen umstritten, ob dieser Film ein Kunstwerk ist. Man rühmt ihm nach, er folge großen italienischen und französischen Vorbildern. Es fehlt nicht an den berühmten Rückblenden und refrainartigen Wiederholungen von Motiven. Aber die Vorzüge dieses Verfahrens sind zweifelhaft. Und bedrückt lehnt sich der Zuchauer zurück, wenn diese Arbeitersöhne anfangen, über Geschichte zu philosophieren. Soviel Papierdeutsch hat man lange lehnt sich der Zuschauer zurück, wenn diese Arbeitersöhne anfangen, über Geschichte zu philosophieren. Soviel Papierdeutsch hat man lange nicht mehr über sich ergehen lassen müssen. Dann freilich gibt es auch wieder große Augenblicke. Am stärksten wirkt wohl das Gesicht der Hauptdarstellerin; Hollywood ist ganz fern, Gott sei Dank.

Aber im politischen Teil dieses Blattes brauchen wir uns nicht lange den Kopf zu zerbrechen über die künstlerischen Qualitäten eines Filmes. Für uns ist wichtig, was der Film über das Leben der Menschen der DDR aussagt; zuverlässig aussagt, dürfen wir annehmen, sonst wäre sein großer Erfolg drüben nicht zu erklären.

Service