Wie lustig ist die Jägerei?

Schwere Prüfung, kostspielige Ausrüstung, teure Reviere Von Horst Veiten

Unten steckten sie in langen Stiefeln, oben in kühnen Hüten. Um ihre Unterleiber schlotterten oder strammten sich rauhe Jacken, deren Taschen reichlich mit Nikotinspargeln gespickt waren. An der Seite hing ein Ränzlein, strotzend von grünen, roten oder gelben Hülsen, enthaltend das scharfe Pulver, ferner eine Flasche, bergend das nicht minder scharfe Visierwasser und diverse Pakete, worin die kurzgehackten sterblichen Überreste toter Schweine und Kühe waren. Vor dem Magen trugen, sie Müffchen, um die Handgelenke gestrickte Stulpen und auf dem Rücken Donnerrohre aller Konstruktionen und jeglichen Kalibers " Nachdem Hermann Löns in seinem „Mümmelmann" solchermaßen die äußerliche Erscheinung, von Jägersleuten geschildert hatte, nahm er noch eine Art soziologischer Untersuchung vor: „Sie erfüllten das Bahnhofsvestibül mit lauten Stimmen, den Perron mit schallenden Tritten, drei Kupees mit Zigarrendampf und die Schaffner mit Grausen, denn jeder dritte zog ein erwachsenes Exemplar von canis familiaris hinter sich her und verlangte Platz dafür nächst sich. Während der Fahrt nickten die einen, die abends vorher allzu lange beim geisteserfrischenden Männerskat und beim seelenerhebenden Bitterbier gesessen hatten, noch etwas nach, die edlen, etwas gedunsenen Züge auf die Mündungen der Flinten stützend; andere hatten des Teufels Gebetbuch in der Hand, schielten sich in die Karten und nahmen sich das mehr oder minder redlich erworbene Kleingeld ab. Die dritten sprachen Latein " Die spitzmäulige Genüßlichkeit, mit der Löns hier eine Dreiteilung in Adel, Bürgertum und Geistlichkeit vornimmt läßt liiineh Zweifel an seiner Stellung zu Waidwerk und Waidmann. Fünfzig Jahre, seit dies geschrieben und gedruckt wurde, beschwert sich Albert Hirte in der „Deutschen Jäger Zeitung": „Warum man besonders Jagd und Jäger immer wieder zur Zielscheibe von Spott und Ironie und Verleumdung macht, ist schwer zu erkennen. Gewiß liegt nicht immer Unwissea zugrunde — andere Ursachen müssen zu dieser Geistesverwirrung beitragen. Eine davon scheint mir die falsche Einordnung der Jagd in unser menschliches Tun zu sein — die Jagd ist doch kein (oder wenigstens nicht nur ein) Hobby, wie Golf, Segel oder Fußball, Jagen muß sein, es ist eine naturbedingte Funktion um der Erhaltung eines gesunden Wildbestandes willen. Und damit wird es zum Dienst an der Allgemeinheit " Aus dem zeitlichen Abstand zwischen diesen beiden Zitaten läßt sich bündig schließen, daß dem gekränkten modernen Nimrod nichts anderes widerfährt als seinem Vorfahren: Jagd und. Jäger haben allezeit Soziologen und Dichter zum Nachdenken angeregt, Kritiker und Satiriker inspiriert, die Phantasie auch des geringen Mannes beflügelt, Klassenneid provoziert, Legenden geboren und gesungenem, geschriebenem und gespieltem Kulturgut aller Kategorien Stoff gegeben.

Selten haben die Autoren aus zweitausend und mehr Jahren dabei auf ein Engagement verzichtet. Beispielsweise glaubt Ortega y Gasset einen schlüssigen Beweis dafür zu haben, daß Platon der Jagd zugetan gewesen sein müsse, bediente er sich doch — als er den Sokrates sprechen läßt — ganz und gar waidmännischer Metaphorik: „Nun, Glaukon! Machen wir (Philosophen) es jetzt wie die Jäger und umstellen wir das ganze Gebüsch, mit wachem Verstand —, damit uns die Gerechtigkeit nicht entwische und sich vor uns verflüchtige. Denn offensichtlich muß sie da sein, irgendwo. Also schau gut und bemühe dich, gut aufzupassen, falls du sie vor mir siehst, und treibe sie mir zu " „Das", so folgert Ortega y Gasset, „schreibt niemand, der nicht schon oft in einem Dickicht gesteckt hat und davon besessen war, ein Stück Wild aufzuspüren Der spanische Philosoph schlägt sich damit und in seinen Aufsätzen „Über die Jagd" ganz und gar auf die Seite der Jägersleute. Sein Landsmann Cervantes hingegen überläßt es dem Publikum, darüber zu entscheiden, was davon zu halten ist, wenn Don Quichotte sein Lebensprogramm entwirft und beschließt, „Jagd und Fischfang" sollten fürderhin sein Zeitvertreib sein.

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Was will er damit sagen? Offenbart sein Ritter von der traurigen Gestalt hier einen bemerkenswerten Rest von Einsicht in die Realität? Denkt er, dem Alltägliches so fremd scheint, schnöde an Selbsterhaltung, an Hunger und Essen? Oder will der Dichter die Figur des Ritters noch um einen Strich tragikomischer zeichnen: seht, welch unnützer Beschäftigung er nachgehen will? Oder sagt er seinem traurigen Ritter das Vergnügen an einer edlen Form von Lust und Leidenschaft nach, wie sie Herren gebührt? Und wird der Ritter dadurch ein Herr? Just diese Fragen haben den Lönsschen „Haanrich Mümmelmann" geboren oder den Ganghoferschen „Jagerloisl" oder den „Förster vom Silberwald", jeweils auf anderer Plattform freilich.

Stets ist auch eine neue Diskussion garantiert, wenn der Bundespräsident bei der Diplomatenjagd spazierengeht, statt mitzuschießen, wenn Professor Grzimek von Herz zu Herze spricht oder der Tierschutzverein poltert: Warum geht der, Mensch zur Jagd? Der CSÜ Äußenpolitiker Freiherr von und zu Guttenberg (mit füafzehn Jahren schoß er seinen ersten Bock) verfällt in erschrecktes Nachdenken, wenn er so direkt gefragt wird; dann sucht er nach metaphysischen Deutungen: „Sicherlich ist es mehr als Schießen, sicherlich ist es mehr als Töten, sicherlich ist es mehr als Fleischmachen " Der Boxer Peter Müller aus Köln, mit derselben Frage konfrontiert, macht sich weitaus weniger geistige Ungelegenheiten: „Do hann isch Spaß dran " Für beide Waidmänner scheint nicht zuzutreffen, was den Jägern gern nachgesagt wird: sie schlüpften in den grünen Rock, weil es „fashionabel" sei, sie trügen die Grandin am Revers, weil es das Sozialprestige hebe, der Gamsbart am Hutband weise seinen Besitzer ähnlich als „Herrn" aus wie der Homburg.

Dennoch: die Existenz einer solchen Spezies Waidmann wird von beiden nicht bestritten. Der Freiherr rügt mit Zurückhaltung das „Prestige- Jagen" und seine Formen, der Boxer distanziert sich auf seine Art: „Et jibt solche, aber isch kenn kinne " Keiner bestreitet die Existenz des Wohlstandsjägers, sogar die „Deutsche Jäger Zeitung" beklagt sie: „Daß im gefährlichen Zeitalter unseres sogenannten Wirtschaftswunders oftmals das Bankkonto über Vernunft und Realität, Prestige über die waidmännische Berufung siegt - wird von niemandem mehr bedauert als von den Jägern aus Passion. Der Goldrausch hat noch keinen zum Jäger gemacht, höchstens zum Revierinhaber mit Schießrekorden " Der Baron Guttenberg hat drei Reviere und war im letzten Jahr vier- oder fünfmal zur Jagd früher habe ich im Jahr dreißig Einladungen angenommen Der Boxer Peter Müller hat zusammen mit Freunden ein Revier und geht bis zu zwanzigmal im Jahr auf die Jagd. In München haben sich fünf Leute aus dem graphischen Gewerbe zusammengetan und eine Jagd am Lech gemietet — ihr monatliches Durchschnittseinkommen liegt- bei 1000 Mark. Im Ammertal hat ein Münchner Unternehmer ein weitläufiges Revier gepachtet, in dem früher die Wittelsbacher jagten: Er kaufte einen Hügel und baute sich ein repräsentables Jagdhaus darauf; zwei Bauern, denen der Grund gehört hatte, errichteten nach der Transaktion stattliche Bauernhäuser. Im Ruhrgebiet haben sich zwölf Vertreter, Kaufleute und Angestellte zusammengetan, um für je 100 Mark im Monat ein Jagdgebiet am Niederrhein zu pachten. Das Regenstmrger Haus der Familie Thum und Taxis verfügt über so umfängliche Reviere, daß sich Dutzende von Gästen alljährlich über Einladungen freuen dürfen. Im Berchtesgadener Landersteigerten ortsansässige Bauern das Jagdrecht — trotz scharfer Konkurrenz etlicher Industrieller aus der Großstadt. In Unterammergau staffierte der Jagdherr die gesamte einheimische Blaskapelle mit (teuren) Gemsbärten aus — freiwillige Dreingabe auf den Zins —, und alljährlich gibt er ein Jagdessen für die Musikanten. Die Zeiten, in denen, wie Ludwig Thoma berichtet, listige Bauern dem Jagdherrn den Wildschaden maß weise per Freibier abluchsten, sind vorbei. Solch ein Querschnitt läßt vermuten, daß sich Jagd, Jäger und Jagdgesellschaft in Deutschland geändert haben. Der Inhaber eines Jagdgeschäftes im Rheinland („Wenn Sie meinen Namen schreiben, vermiesen Sie mir das Geschäft") hat dafür konkrete Anhaltspunkte: „Da ruft eine Dame an und sagt, sie sei die Sekretärin von Herrn X, und sie möchte gern eine Jagdausrüstung bestellen, Herr X sei eingeladen, und was das denn so koste. Ich frage nach der Preisvorsteliung des Herrn und nach Jagdschein und so, und da sagt die Dame Ach so und Braucht man denn so was? und Ich rufe Sie wieder an e. Und dann hat sie nicht mehr angerufen " Die meisten seiner Kunden — „90 Prozent" — wissen hingegen genau, was sie wollen, kennen sich genauso gut aus wie die Verkäufer, geraten oft in Fachsimpeleien und sind, wie der Inhaber sagt: „Völlig seriös " „Heißt das soviel wie egütert?" „Arm ist keiner " „Hat sich Ihre Kundschaft in den letzten Jahren geändert?" „Ja. Viele junge Leute kommen " „Auch Angestellte? Arbeiter?" „Wir fragen nicht nach den Berufen. Aber man sieht ja, wen man so vor sich hat " „Wen hat man so vor sich?" „Nun ja, meistens Leute, die nicht so auf den Pfennig gucken. Qualität ist gefragt. Saisonartikel gibts in diesem Geschäft wenige. Was man kauft, kauft man fürs Leben " Man- kauft und bezahlt: für einen Jagdmuff aus Nappaleder und Lammfellfutter 39 Mark, für einen Kasten mit Tierstimmeninstrumenten 4 9 50 Mark, für einen Patronenkoffer aus Kunststoff 28 Mark, aus Aluminium 68 Mark, für einen Jagdsitzstock 38 50 Mark, für ein Fürst PlessJagdhorn 45 Mark, für das dazugehörige Notenheft 1 40 Mark, für ein Jagdmesser 17 bis 31 Mark, für Jagdkrawatten mit eingewebtem Rehgehörnmotiv 12 Mark, für einen Fußsack 35 Mark, für einen Ansitzsack 125 bis 185 Mark, für Lederhosen (Elch) 155 Mark, für eine Büffellederjacke 118 Mark.

Im Waffenhaus Bavaria in München hängt eine Bockdoppelbüchse in der Auslage, silbern beschlagen, reich beschnitzt; es ist ein Gelegenheitskauf: für 3300 Mark zu haben „Ein lächerlicher Betrag", preist der Verkäufer, „wer die heute anfertigen lassen wollte, müßte 8000 Mark bezahlen Der ehemalige Besitzer hat das teure Stück nach seinen Wünschen maßfertigen lassen, dann sagte ihm aber die Schußleistung nicht zu, und er gab sie für eine neue Waffe in Zahlung. „Und so etwas geht wieder weg?" „Nicht gerade reißend, aber an den Mann bringen wir sie schon " „Wie oft verkaufen Sie so teure Stücke?" „Nicht so oft " „Wie oft?" „Na, so drei, viermal im Jahr " Ausländer sind gute Waffenkunden in Deutschland. Sie nutzen das erhebliche Preisgefälle zwischen dem Waffenmarkt in Deutschland und dem in Spanien, Italien, Portugal und vor allem in Afrika. Sie sind in den deutschen Waffengeschäften gern gesehen, ebenso wie — Frauen. „Frauen?" „Vor Weihnachten haben wir viele Kundinnen", belächelte der Verkäufer das Erstaunen. „Kommen die hier herein und sagen: Ich möchte, bitteschön, ein Schießgewehr?" Das komme auch vor, sagt der Verkäufer, aber häufiger verlangten sie für den jagenden Gemahl Utensilien: ein neues Glas, auch schon einmal ein Buch, Manschettenknöpfe mit Jagdemblemen oder derlei. Nach den Preisen, fügt er unaufgefordert hinzu, fragen die wenigsten.

Die höchsten Preise für Waidmanns Lust werden ohnehin nicht im Waffengeschäft bezahlt, wenngleich ein Drilling mit etwa 1500 Mark und eine Doppelflinte mit etwa 300 Mark schon deutlich genug zu Buche schlagen. Das Teuerste an der Jagd ist die Pachtgebühr, deren Höhe häufig der Meistbietende erst in der Versteigerung bestimmt. Was jedoch ein Waidmann anlegen muß, um durch eigenes Revier streifen zu können, läßt sich dem Anzeigenteil der Jagdzeitschriften entnehmen, wo Inserenten die Bereitschaft bekunden, für dieses Vergnügen zwischen 5000 und 15 000 Mark zu bezahlen.

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