Von Walter Abendroth

Von wenigen bewundert und von vielen gescholten, den meisten bürgerlichen Zeitgenossen, wenn überhaupt, so lediglich als Dauergast und Inbegriff des „Café des Westens“, später des „Romanischen Cafés“ bekannt – das war zu ihren vortausendjährigen Lebzeiten die Dichterin, deren gesamtes lyrisches Werk jetzt erstmals in einem Bande als einmalige Sonderausgabe der „Bücher der Neunzehn“ erschienen ist –

Else Lasker-Schüler: „Sämtliche Gedichte“, mit einem Faksimile des Buches „Theben“, herausgegeben von Friedhelm Kemp und Margarete Kupper; Kösel-Verlag, München; 368 Seiten, 12,80 DM.

Was ihrer Anerkennung seitens der akkreditierten literarischen Welt im ersten Drittel unseres Jahrhunderts im Wege stand, war Else Lasker-Schülers scheinbar enge Verbundenheit mit jenen künstlerischen Tendenzen ihrer Zeit, deren ihr befreundete Vertreter bewußte militante Kulturpolitiker waren. Aber die „verschlampte Reinkarnation der Sulamith“, wie Walter Mehring die Lasker-Schüler nannte, war viel zu sehr geborene Dichterin, viel zu sehr Gefühls- und Phantasiemensch, um mit irgendwelchen auch nur kulturpolitischen, gar realpolitischen Bestrebungen identifiziert werden zu können.

Nichts Rationales überhaupt verband sie mit ihrer Umwelt und insbesondere mit den Häuptern des dadaistischen Bildersturms; allein die totale Unbürgerlichkeit hatte sie mit jenen gemein, und auch die nicht als Ideologie, sondern als Naturtrieb.

Im übrigen war es ihre angeborene Art, sich ganz in eine eigene Traumwelt einzuspinnen und die Menschen ihres Umgangs gleichsam umzudichten zu Phantasiefiguren, die in diese Traumwelt paßten. Wie sie selber sich als Herrscherin eines imaginären Reiches „Theben“ empfand, so taufte sie die Freunde um in meistens durchaus aristokratische Gestalten und besang sie in hymnisch gehobenen oder verzückten Versen: Aus ihrem zweiten Gatten Georg Levin wurde ein Herwarth Walden, aus Gottfried Benn ein Giselheer, aus Georg Trakl ein Ritter aus Gold, aus Franz Werfel ein Prinz von Prag und so weiter – eine lange Liste selbstherrlicher Verzauberungen. Es ist auch so etwas wie ein dichterisches Umfärben der Persönlichkeiten damit verbunden. Und insofern traf das Urteil des Dichterkollegen Klabund zweifellos zu, wenn er Else Lasker-Schülers Kunst „sehr verwandt mit der ihres Freundes, des blauen Reiters Franz Marc“ fand, dessen gleichfalls völlig tendenziöser, unpolitischer Expressionismus sich ebenfalls des souverän gehandhabten Mittels der einzig phantasiebestimmten Farbenwahl bediente. (Seiner Verehrung für den „Prinzen Jussuff von Theben“ verdankt die wunderbarste Serie illustrierter Postkarten ihre Entstehung.)

Reiner Expressionismus – nicht der „jener falschen Expressionisten“, die, nach Karl Kraus, „zum Mißlingen des Ausdrucks leider die Korrumpierung des Sprachmittels für unerläßlich halten“ – ist hier am Werke. Else Lasker-Schülers expressive sprachliche Ornamentik lockert wohl bisweilen das Formgefühl bis zur äußersten Grenze; aber sie zerstört es niemals, weil sie keineswegs diffuser, vielmehr äußerst konzentrierter subjektiver Empfindung gehorcht. Darin liegt ihr weitester Abstand zur gewollten Sinnlosigkeit des un- und unterpersönlichen Dadaismus, zu allem „Gewollten“ schlechthin.

Der schön ausgestattete Band enthält alle bisher zugänglich gewordenen Gedichte in chronologischer Reihenfolge und letztgültiger Textfassung. Das vollständige Faksimile des Buches „Theben“ mit den von der Dichterin selbst auf den Stein gezeichneten Illustrationen wird den Lesern ebenso willkommen sein wie die angehängte Biographie der ruhelosen Heimatsucherin – die schließlich wirklich ihr Grab am Jerusalemer Ölberg finden sollte – nach dem neuesten Stand der Nachforschungen von Margarete Kupper.