R. H., Hamburg

Schüchterner Beifall kam von den Zuschauerbänken, als das Hamburger Schwurgericht sein Urteil im Prozeß gegen den ehemaligen Admiral Wenneker und den Kapitän von Allwörden verkündete. Das Verfahren gegen Wenneker wurde eingestellt. Er ist nur Totschläger, nicht Mörder, meinte das Gericht. Und Totschlag ist verjährt.

Allwörden wurde freigesprochen, weil er befehlsgemäß handelte, als er sein Schiff versenkte und den in einer Zelle eingeschlossenen Matrosen Poweleit ertrinken ließ. Allwörden hätte, dem Befehl des Admirals gemäß, auch den Gefangenen Zimmzick ertrinken lassen. Doch dieser entging in der Aufregung des Rettungsmanövers der Aufmerksamkeit des Kapitäns. Er bemerkte ihn nicht, und das wohl auch nur, weil er an die Möglichkeit, daß sich der Gefangene befreien könnte, gar nicht dachte. Der Schraubenschlüssel, mit dem Zimmzick das Schloß seiner Zelle öffnete, war jetzt, vierundzwanzig Jahre nach dem Vorfall, einer der Schlüssel für die Wahrheitsfindung des Schwurgerichts.

Angeklagt war Wenneker wegen Mordes. Zwei der Merkmale, die den Tatbestand des Mordes charakterisieren, sind Heimtücke und Grausamkeit. Heimtücke setzt voraus, daß das Opfer ahnungslos ist. Wie aber sollte man annehmen, so meinte das Gericht, daß Zimmzick seinem Mitgefangenen Poweleit nicht gesagt hätte, sie beide würden ersäuft, wenn das Schiff bei Feindberührung von der Besatzung versenkt werden müßte? In der Urteilsbegründung hieß es: Gelegenheit dazu hatte Zimmzick, da die Gefangenen nur nachts eingeschlossen wurden und tagsüber an Deck Rost klopfen und Kartoffeln schälen durften.

Dann blieb für das Gericht die Frage, ob die Todesart grausam war, die der Admiral „gegebenenfalls“ für Gefangene auf Blockadebrechern befohlen hatte. Die Richter antworteten nein. „Für den Admiral Wenneker als Seemann war es die gegebene Todesart, mit dem Schiff unterzugehen. Seemännisches Traditionsbewußtsein spielt dabei eine Rolle, und auch darum war es nicht besonders grausam.“

Wenneker ist, da also seine Order weder heimtückisch noch grausam war, kein Mörder. Zwar „hat er durch seinen Befehl die Ursache zum Tode des Poweleit gesetzt..., hatte den unbedingten Tatvorsatz – er wollte die Tat als eigene – und war mittelbarer Täter vorsätzlicher Tötung“. Aber der Admiral a. D. ist nur ein Totschläger, der im traditionellen, jetzt zivilen Dunkelblau, grauhaarig, soigniert, als freier Mann den Gerichtssaal verließ.

Wenneker hätte freilich, so hieß es in der Urteilsbegründung weiter, im Fall des Poweleit erkennen müssen, daß sein Befehl nicht gerechtfertigt war. Denn dieser Matrose war nicht eines todeswürdigen Verbrechens verdächtig, wie der auf einem anderen Schiff auf Grund dieses Befehls getötete Journalist Hofmeier, der als Landesverräter galt. Poweleit hatte schließlich nur ein paar Schweizer Präzisionsuhren gestohlen.