Unterdrücken oder drucken?

Warum wir das Memorandum gegen Wehner veröffentlichen

Auf Seite 3 dieser Ausgabe veröffentlichen wir ein Manuskript, das seit Wochen heftig umstritten ist – obgleich kaum einer der Streitenden es bisher kannte. Es handelt sich um jene gegen Herbert Wehner gerichtete Attacke, verfaßt von einer Gruppe unzufriedener Sozialdemokraten, in der dem stellvertretenden SPD-Vorsitzenden und Obermanager der Partei nichts weniger vorgeworfen wird als ein diktatorisches Regiment.

Der Illustrierten „Quick“ war dieses Material ursprünglich angeboten worden. Chefredakteur Karl-Heinz Hagen hatte seinen Bonner Korrespondenten mit zusätzlichen Recherchen sowie einer Bearbeitung des Manuskripts beauftragt, eine Veröffentlichung aber schließlich abgelehnt – nicht ohne durchblicken zu lassen, wie schädlich sie für Wehner gewesen wäre.

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Schon vor zwei Wochen haben wir keinen Zweifel daran gelassen, wie schlimm wir es finden, daß in Hagens Münchner Schreibtisch eine publizistische Leiche verwest: zum Schaden Herbert Wehners, der sich nicht wehren kann, zum Schaden der SPD,zum Schaden wohl auch unserer Demokratie, welche ohne die freie Kontroverse nicht denkbar ist.

Als dann die Autoren das Manuskript der ZEIT zum Abdruck anboten, haben wir gleichwohl gezögert. Die politische Redaktion hat in stundenlangen, zuweilen erregten Diskussionen das Für und Wider einer Veröffentlichung erörtert. Auch jene von uns, die Wehners Zähmung der Opposition für verderblich halten, mochten sich mit den Ableitungen und Unterstellungen der Frondeure nicht identifizieren. Und die Methode, aus der Anonymität auf Wehner zu schießen, erschien uns suspekt.

Das unpublizierte Pamphlet aber ist zu einem Dokument der Zeitgeschichte geworden; dafür hat „Quick“ mit seinem wohlpublizierten Rückzieher gesorgt. Deswegen haben wir uns zum Abdruck entschlossen. Und der Entschluß fiel uns leichter, da wir uns von führenden sozialdemokratischen Politikern ermuntert sahen, die eine Veröffentlichung öffentlich gefordert haben. Auch Herbert Wehner selbst hatte auf einer Pressekonferenz erklärt: „Ich sage: Kommt heraus mit den politischen Argumenten!“ Wenn es darum gehe, Vorwürfe gegen seine Parteiarbeit auszutragen, wolle er sich dem nicht entziehen.

Tatsächlich geht es bei dem Schriftstück um kaum etwas anderes als um Vorwürfe gegen Wehners Parteiarbeit. Der Text, den wir abdrucken, ist nicht der von „Quick“ aufbereitete Artikel, sondern das ursprüngliche Memorandum, wie es die Urheber zur Veröffentlichung vorgesehen hatten. Wir haben selbst nicht recherchiert, wir haben nicht geändert oder ergänzt; neun knappe, den Grundgedanken nicht berührende Kürzungen schienen uns notwendig, um juristische Folgen zu vermeiden.

Es liegt uns nicht daran, Herbert Wehner am Zeuge zu flicken oder ihn gar zu stürzen. Wir halten ihn, der sich durch seine oft schroffe Art auch in der eigenen Partei viele Feinde gemacht hat, für einen aufrechten Mann und einen der bedeutendsten und kraftvollsten Politiker der Nachkriegszeit. Wir glauben aber, daß der Gegensatz zwischen dem starken Führungswillen Wehners und den vorerst noch zersplitterten Oppositionsansätzen in der eigenen Partei offen ausgetragen werden sollte. Die ZEIT steht dafür als Plattform zur Verfügung – auch und gerade Herbert Wehner. H. G.

 
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