Sturzbetrunken

Von der „heiligen Nüchternheit“, die Hölderlin besungen hat, hält Wilhelm Johnen, der Landtagspräsident von Nordrhein-Westfalen, nicht sehr viel. Schon eher ist der persische Poet Hafis nach seinem Gusto, der die Verse, die er im Rausche gedichtet, für seine besten hielt. Solche alkoholselige, dichterische Freiheit hat Johnen kürzlich bei einer Ordensverleihung demonstriert, was nicht ganz unbegreiflich ist, wenn man bedenkt, wie oft ein, Landtagspräsident mit wohlgesetzten und fast immer gleichen Worten die Verdienste von Bürgern rühmen muß, von denen er kaum mehr als den Namen kennt. Johnen also hat kräftig extemporiert.

In der boshaften Sprache seiner Kritiker liest sich das so: Der Landtagspräsident, in „nicht ganz unerheblich angetrunkenem Zustand“ – was für eine klassische Formulierung! – sei nicht in der Lage gewesen, „das Konzept seiner Rede und die Verleihungsurkunde einwandfrei zu verlesen“. Eine Zeitung meinte sogar respektlos, er war „sturzbetrunken“. Gegen diese „wahnsinnige Aufbauschung“ hat sich Johnen, Sohn eines Brennereibesitzers, mit Recht zur Wehr gesetzt; schließlich war er schon immer ein fröhliches Gemüt.

Anzeige

Was hilft’s, die Parteiräson, die besonders im Wahlkampf unerbittlich gehandhabt wird, duldet keine Individualisten solchen Schlages und solcher Schlagseite. Die Politik hat heute nirgendwo mehr Platz für Leute mit feucht-fröhlichem Ungestüm. Der Präsident von Ecuador, der vor ein paar Jahren auf einer Party nach kräftigem Alkoholkonsum die USA beschimpfte, wurde kurzerhand gestürzt. Und wohin es der trinkfeste rote Zar Nikita Chruschtschow gebracht hat, weiß jedermann: Heute ist er ein mißvergnügter Rentner mit einem Gallenleiden.

Wehmütig denkt man an die Zeiten zurück, da Bismarck im Hamburger Austernkeller „Cölln“ den Spruch zu Papier brachte, der dort noch heute unter Glas und Rahmen prangt: „Wenn sich der Deutsche seiner Kraft recht bewußt werden soll, dann muß er erst eine halbe Flasche Wein im Leibe haben oder besser noch eine ganze.“ Vorbei – heute ist Politik ein Geschäft für nüchterne Männer. R. Z.

 
Service