Attacke auf die Ganzheitsmethode

Von Rudolf Degkwitz

Ist es wirklich gleichgültig, nach welcher Methode Kinder lesen lernen? Professor Dr. Rudolf Degkwitz, Facharzt fürNeurologie und Psychiatrie in Frankfurt a. M., sagt mit aller Entschiedenheit: Nein. Er hat, um über die Wirkungsgrade der „Lautier“- und der „Ganzheitsmethode“ Klarheit zu gewinnen, den für Nicht-Pädagogen sichersten Wegt gewählt: Er hat alle einschlägigen erziehungswissenschaftlichen Untersuchungen der letzten Jahre über dieses Gebiet studiert. Dabei kam er zu Überlegungen, die gerade jetzt aktuell sind: last eine dreiviertel Million Kinder sind in diesen Wochen in die Schule gekommen; die meisten von ihnen sollen nach der Ganzheitsmethode lesen lernen.

Wir nähern uns dem Ausbildungsstand in den amerikanischen Schulen: Dort kann die Mehrzahl der Kinder am Ende des 4. Schuljahres nur etwa 1600 bis 1800 Wörter „lesen“. Da aber Kinder in diesem Alter einen Wortschatz von 18 000 bis 30 000 Wörtern haben, sind sie also trotz vierjährigen Leseunterrichts praktisch Analphabeten. Der Pädagoge Rudolf Flesch führt dies (in seinem Buch „Why Johnnie can’t read – And what you can do about it“) auf die konsequente Anwendung der Ganzheitsmethode im Leseunterricht zurück; sie ist in den USA 1925 überall eingeführt worden.

Fleschs Beobachtungen wurden sechs Jahre später von Arthur S. Trace („What Ivan knows that Johnnie doesn’t“) in vollem Umfang bestätigt. Trotzdem werden die Ganzheitsmethoden immer wieder als die einzig vertretbaren Unterrichtsmethoden gepriesen, wird ihre Anwendung mit direkten und indirekten Mitteln durchgesetzt. Hier gilt das Motto: Wer nicht mit Hilfe der Ganzheitsmethoden unterrichtet, ist rückständig, verleidet den Kindern die Freude am Lernen, verhält sich unpsychologisch und ist ein unbelehrbarer Vertreter der Pauk- und Drillschule.

Keine Beweise

Welche wissenschaftlichen Beweise gibt es nun dafür, daß die Ganzheitsmethoden den Vorzug verdienen? Welche Gründe werden vorgebracht, um ihre Anwendung zu rechtfertigen? Auf der Suche nach wissenschaftlichen empirischen Untersuchungen über die Ergebnisse der verschiedenen Leselehrmethoden im deutschsprachigen Gebiet erfährt man zunächst dies: Es gibt sie nur in sehr geringer Zahl. Ältere Arbeiten halten einer kritischen Überprüfung nicht stand. Der Psychologe Emil Schmalohr sagte nach einer eingehenden Besprechung dieser Publikationen: „Die deutschen Arbeiten auf diesem Gebiet sind entweder in der Fragestellung oder in der methodischen Anlage als unzulänglich zu bezeichnen.“ Alle kamen überdies zu dem Ergebnis, daß die Ganzheitsmethoden keine besseren Resultate hervorbringen als das synthetische Verfahren. Auch Schmalohr gelangte zu dieser Ansicht.