ist eine erfreuliche Tatsache, daß die Musikwissenschaft immer häufiger aktuellen Vorgängen ihre Aufmerksamkeit schenkt. Ihr Blick nach vorn hat im andern Deutschland eine besondere Bedeutung. Viel besser als an Bach und anderen Klassikern läßt sich nämlich die marxistische Musikanschauung an jenen Kompositionen erläutern, die aus der Feder lebender und geistig in der DDR beheimateter Meister flossen – und die von vornherein als schöpferischer Beweis für eben diese Musikanschauung gedacht waren.

Eine solche musikologische Arbeit liegt seit einiger Zeit vor –

Fritz Hennenberg: „Dessau-Brecht – musikalische Arbeiten“, herausgegeben von der Deutschen Akademie der Künste; Henschel-Verlag Berlin (Ost); 34,– DM.

Hennenberg profitiert davon, daß das Thema „Brecht und die Musik“ in der Bundesrepublik bislang kein Interesse fand, und seine Arbeit erhält dadurch einen mehrfachen Sinn, daß die Mitglieder der Deutschen Akademie der Künste, welche Geldmittel zuschoß, „erklären, im Sinne einer sozialistischen Akademie zu arbeiten. Die Deutsche Akademie der Künste, erhält damit das historische Recht, als Akademie der ganzen deutschen Nation zu wirken“. Dieser pikante geistige Alleinvertretungsanspruch ist es, der Hennenbergs Buch exemplarisch macht, diese tiefschürfende Analyse der Wechselwirkung von – im marxistischen Sinne didaktisch gemeinter – Musik und Poesie, wie sie sich in der Zusammenarbeit von Bertolt Brecht und Paul Dessau offenbarte.

Es ist eine bewundernswert fleißige Publikation, der allein schon auf Grund des reichlichen Materials „gesamtdeutsche“ Bedeutung zukommt; die 756 Fußnoten, die 557 Notenbeispiele haben programmatischen Wert. Des Autors Art und Weise, die Dinge anzupacken, imponiert; sein Werk ist ein Lichtblick in der diesigen Landschaft der deutschen Musikliteratur. Daß es sich gegen das genüßliche, wie Brecht sagte, „kulinarische“ Musikhören wendet, überrascht nicht weiter, denn bereits früh im zwanzigsten Jahrhundert finden sich Proklamationen eines klassizistischen Geistes gegen den romantischen, gegen die fragwürdige Ästhetik derer, die nach Cocteau mit dem „Gesicht in den Händen“ Musik hören.

Gleichermaßen plädiert Hennenberg gegen den l’art-pour-l’art-Eifer der Klassizisten unseres Zeitalters. Er behauptet: „Musik erfüllt einen gesellschaftlichen Auftrag. In ihrer spezifischen Faktur widerspiegelt sie eine spezifische Ideologie. Zeitstilistische Veränderungen registrieren ideologische und diese hinwiederum ökonomische. Es muß Aufgabe der Deutung sein, den Beziehungen zwischen Musik, Ideologie und Ökonomie nachzuspüren