Von Dieter E. Zimmer

Auf den ersten Blick sieht es absurd genug aus, und auf den zweiten auch noch: daß deutsche Schriftsteller, um sich gegenseitig neue Arbeiten vorzulesen, einen Ozean überqueren, daß sie Orkane durchstehen, daß sie – eine irritierende teutonische Invasion – einen amerikanischen Universitätscampus aus vornehmer Ruhe aufstören, daß an einer amerikanischen Autostraße (US 1) vor einem Motel („your host from coast to coast“) ein nachts erleuchtetes Reklameschild verkündet: WELCOME GRUPPE 47.

Aber so war es. Vom 21. bis 24. April tagte die Gruppe 47 fünfundsiebzig Kilometer südlich von New York, eingeladen von der Elite-Universität Princeton (Studienkosten pro Trimester: rund sechstausend Mark), genauer: von ihrem germanistischen Department, noch genauer: von dessen Vorsitzendem, Victor Lange. Für die Reise- und Aufenthaltskosten kamen vor allem die Universität (15 000 Dollar) und die Ford-Stiftung (50 000 Dollar) auf. Es war die neunundzwanzigste Zusammenkunft der Gruppe 47, nach der 1954 in Italien und 1964 in Schweden die dritte im Ausland.

Und es hätte sich alles ebensogut in Travemünde oder Rosenheim abspielen können, oder in Aix-en-Provence oder Rio de Janeiro. Die Tagung blieb nahezu unberührt von der Umgebung. Unverändert war das Gruppenritual: drei Tage lang Lesungen von früh morgens bis in die Nacht, eingeläutet von Hans Werner Richters traditionellem Kuhglöckchen, nach jeder Lesung mündliche Kritik, in den Pausen die üblichen ein-, doppel- oder vielzüngigen Konversationen, von den Kritikern gern benutzt, einen gerade geäußerten Tadel nun, im Angesicht des kritisierten Autors, vorsichtig zurückzunehmen („ich mußte das ja sagen, aber ich möchte doch ...“) oder eigensinnig auf ihren Verbesserungsvorschlägen zu bestehen („das fahle Ebenbild sollten Sie wirklich streichen und die Lurche im Schlick auch ... ach, die Lurche im Schlick standen gar nicht da?“), die erheiternden Sachdiskussionen anläßlich fragwürdiger Metaphorik (werden Schrauben denn am Fließband hergestellt? gab es 1938 schon Kunststoffe? kann das Wasser wirklich ins Klosett zurücksprudeln?), die Ermüdungserscheinungen, die an- und abschwellenden Wellen der Reizbarkeit, die nadelspitzen Sticheleien, die Selbstversunkenheit des einen oder anderen von der Kritik überrannten Neulings, der sich nun fehl am Platze fühlt, die hämisch-freundlichen Kommentare zu der Veranstaltung selber und dem Gebäude, in dem sie stattfand, einem klassizistischen Tempelchen, wo sonst die Whig-Cliosophic Society zu Hause wo eine akademische Debattiervereinigung, ist, jeweiligen Modevokabeln der Diskussionen, diesmal „herstellbar“ und „transportieren“ („dieser Text ist herstellbar und transportiert nichts“)... Das war wie immer. Ich bezweifle, ob die Mehr-Das der etwa hundertfünfundzwanzig Teilnehmer während dieser drei Tage auch nur einmal Princetons Hauptstraße überquert hat.

„Und vor diesem harmlosen, so unbeirrbar mit seinen literarischen Sorgen beschäftigten Haufen haben die deutschen Politiker Angst?“ fragte eine bekannte und intelligente deutsche Politikerin, die zum erstenmal dabei war und sich falsche Vorstellungen gemacht hätte, Vorstellungen von einer verschworenen, Umsturz sinnenden Clique.

Und dennoch: Die Gruppe, jetzt fast zwanzig Jahre alt, ändert sich. Was ihre Gegner meist in absoluter Verkennung ihres Charakters und ihrer Prozeduren begannen, nämlich einen informellen literarischen Salon um Hans Werner Richter, der zu den Rändern hin immer unbestimmbarer wurde, zu konturieren und zu konsolidieren, das besorgen ihr jetzt ihre Freunde. Beteuerungen helfen wenig: Wider Willen wird die Gruppe – und wahrscheinlich ist das unvermeidlich – immer mehr von einem lockeren, sich selber improvisierenden Man-weiß-nicht-was zu einer Organisation. Die Presse kann ihre Tagungen ebensowenig wie irgendeinen Parteitag ignorieren. Funk und Fernsehen kommen. Verleger sind anwesend, hoffend, daß ihre Autoren gut abschneiden oder daß ihnen eine Neuentdeckung zufällt, halb Trainer, halb talent scouts. Es soll vorkommen, daß sie ihren Autoren die Reise bezahlen, weil sie sich von einer erfolgreichen Lesung Chancen versprechen, die ihnen kein Waschzettel und keine Anzeige im Börsenblatt bietet.

Fällt ein Autor durch, so bleibt das keine Privatangelegenheit mehr. Die öffentliche Resonanz der Tagungen gibt der Gruppe eine Macht, die sie nicht ganz wahrhaben will.