Von Manfred Wekwerth

Am 10. Mai starb, 76jährig, Erich Engel. Manfred Wekwerth ist der nun „dienstälteste“ Regisseur beim (Ost-)Berliner Ensemble.

Ihm fehlte glücklicherweise alles, was den Regisseur alten Stils ausmachte. Zunächst einmal sprach er leise auf den Proben, das Gebrüll der Dompteure fehlte. Aber schon dadurch verbreitete er um sich eine Atmosphäre von Arbeit, und ich glaube, damit beginnt das neue Theater.

Wie viele Jahrhunderte verschleierten die einfache Tatsache, daß da Menschen auf der Bühne tätig sind und keine Götter! Erich Engel gehörte wahrscheinlich zu den Leuten, denen man in der täglichen Praxis des Theaters den Materialismus verdankt. Er hat, wie Brecht und Piscator, auch jenen Ernüchterungsprozeß eingeleitet, der selbst in den unmoralischen Anstalten der überschwenglichen deutschen Misere bekanntwerden ließ, daß auch hier das Schicksal des Menschen der Mensch ist.

Das ist alles andere als nur Sache eines Bekenntnisses. Hier sind Kenntnisse nötig. Wie muß ein Schauspieler sprechen, um Erkenntnisse als Genüsse zu vermitteln, also als Erkennen durch den Zuschauer selbst? Wie muß arrangiert werden, um nicht nur Stimmung zu verbreiten, sondern eine Fabel? Wie sehen Kostüme aus, die Illusionen vermeiden, aber Vorstellungen über die Figur wecken? Wie soll man betonen: gefühlsmäßig, logisch, gestisch? Wie singt man einen Ton? Wie kann ich über eine Figur mehr wissen, als die Figur selbst weiß, und sie trotzdem in ihrer Begrenztheit zeigen? Mit wievielen Szenen verbraucht sich ein Requisit? Und so weiter.

Zu Unrecht nennt man die Beantworter solcher Fragen Praktiker. Man sollte sie Meister der Theaterkunst nennen, denn sie öffneten die verschlossenen Säulenportale der altehrwürdigen Anstalten, Theater genannt, so weit, daß die Wirklichkeit keinen Bogen mehr darum machen mußte, sondern Einzug halten konnte als der würdigste Gegenstand, den es auf dem Theater zu verhandeln gibt.

Schwer hätte das epische Theater Brechts auf diesem Gebiet einen Weg gefunden ohne die Vorarbeit Engels. Schwer hätte sich der frühe Brecht an die Disziplin realistischen Theatermachens gewöhnen können ohne die umwerfende Nüchternheit Engels.