Heilsame Tränen
Als völlig absurd bezeichneten acht amerikanische Psychoanalytiker die landläufige Meinung, kleine Kinder empfänden kaum Schmerz beim Tod der Mutter oder des Vaters, oder sie könnten noch gar nicht richtig begreifen, was sich ereignet habe. In Wirklichkeit berührt der Verlust ein Kind viel stärker als einen trauernden Erwachsenen – nur versteht der Erwachsene das angeblich gefühlskalte Kind nicht.
Schon beim Erwachsenen ist der Schmerz eine Kombination aus Angst, Hilflosigkeit, Enttäuschung und seelischer Erschütterung, erklärte jüngst Dr. Joan Simmons, die Leiterin des Chicagoer Forscherteams. In der Trauer zeigten sich Elemente einer geistigen Starre. Dies sei ein Akt unbewußter Notwehr, wenn die Erlebnisse so erschreckend sind, daß man nicht alles auf einmal ertragen kann.
Über das Kind bricht das Furchtbare noch viel nachhaltiger herein. Die geistige Starre wird zu einer Art Betäubung und kann sich zum lebenslangen Trauma auswachsen, wenn kein Erfahrener dem Kind hilft. Die Psychoanalytiker sammelten ihre Erfahrungen an fünfzig erwachsenen Patienten, die alle durch den frühen Verlust ihrer Eltern schwerwiegende und bleibende Störungen in hrem Gefühlsleben erlitten hatten.
Vor allem ist dies schwer zu begreifen: Das Kind verleugnet anderen gegenüber zwar nicht die Tatsache des Verlustes, aber fast alle Emotionen, die damit im Zusammenhang stehen. Ähnlich wie der trauernde Erwachsene, flüchtet sich auch das Kind in eine Welt der Erinnerungen. Aber hier verhält es sich gefühlsmäßig so, als ob die Mutter oder der Vater noch am Leben sei. Um diese Fiktionen aufrechtzuerhalten, verbraucht es sehr viel geistige Energie, die dann an anderer Stelle im psychischen Entwicklungsprozeß fehlt.
‚Nur voll durchbrechender Schmerz vermag das Kind vor seelischen Schäden zu schützen“, resimierte Dr. Max Formart, ein Mitglied des Chicagoer Teams. „Verwandte könnten dem Kind helfen, wenn sie ihm die Realität des Furchtbaren klar vor Augen führten und sich nicht selbst ihrer Tränen schämten. Das ist zwar schmerzlich, aber nur mit Schmerz und Tränen läßt sich die Starre lösen und seelischer Schaden vermeiden.“ Dr.




