Lies schneller, Bürokrat!“ witzelt man über seine Schüler. Er steht in der Halle Y der Ford-Werke in Köln-Niehl, in einem kleinen Konferenzraum. Er kennt den Spaß, der nach dem Muster von „Schlaf schneller, Genosse“ so oder ähnlich abgewandelt wird. Für ihn ist’s ein alltäglicher Kalauer. Wolfgang Zielke leitet hier einen Kurs im Schnell-Lesen.

Er gilt als einziger Lesetrainer in der Bundesrepublik. Die Schüler sind: Abteilungsleiter, Ingenieure, Sachbearbeiter des Automobilwerks. Sie alle wollen – mag’s für Herren im besten Mannesalter zunächst auch komisch klingen – lesen lernen: richtig lesen lernen, schneller lesen lernen. Warum?

„Das kann ich gebrauchen“, rechtfertigt ein Teilnehmer seine Anwesenheit. „Es ist kaum vorstellbar, was man im Laufe eines Tages alles überfliegen, durcharbeiten, später womöglich referieren soll. Dutzende von Aktennotizen, Anordnungen, Rundschreiben, Fachliteratur, Prospekte, Angebote, Bücher – es ist verdammt schwierig, sich da durchzufinden.“

Die Kandidaten des schnellen Lesens, die im Konferenzraum Platz nehmen, stehen im Nahkampf mit der Flut des Papiers. Sie sehen ehrgeizig aus, jeder von ihnen. Keiner erweckt den Eindruck eines bürokratischen G’schaftlhubers. Die Abc-Schützen des künftigen Top-Managements – die Arme verschränkt – üben Geduld bei den einführenden Worten aus dem Begrüßungskatalog. „Wie auf der Penne“, raunzt einer; das Kopfnicken des Nachbarn bestätigt es. Ringsum Schulbänke, vorn eine Tafel’. An der Wand, gleich neben der Tür, hängt der Plan eines Meister-Lehrgangs. Ich schätze schnell: Durchschnittsalter 30 bis 35 Jahre. Für die hier vertretenen Träger scharfer Bügelfalten, die jedem Vorzimmerblick standhalten, liegt dieser Anblick meistens ein Dutzend Jahre zurück.

Der Fünfzigjährige, dessen Mittelscheitel jahrzehntelange Akkuaratesse verrät, ist es gewiß gewohnt, über den Schreibtisch hinweg direktorenbewußt anzuordnen. In diesem Augenblick sieht er erwartungsvoll den Hilfsdiensten eines Fachmannes entgegen, der sein Können um eine Zeit sparende Fähigkeit bereichern soll. Im gedämpften Stakkato des Berliners, der seine Herkunft dennoch nicht verleugnen kann, spricht Zielke: „Das eine müssen Sie mir abnehmen: Auch die Leseleistung läßt sich verbessern, bedeutend verbessern. Ich verspreche Ihnen, daß Sie doppelt so schnell lesen werden, wenn Sie diesen Kurs beendet haben. Und noch eins: Gleichzeitig wird Ihre Auffassungkraft beträchtlich gesteigert. Auf jeden Fall werden Sie viel Zeit sparen.“

Er wandelt durch die Reihen und verteilt das erste Lehrheft: „Leistungstraining Leseschulung“. So heißt der Kurs offiziell. Das Wort „Schnell-Lesen“ wird peinlichst gemieden; die wörtliche Übersetzung des amerikanischen Rapid Reading schreckt den Deutschen. Vom Titelblatt springt das Werbeversprechen: „Lesezeit sparen, Zeit sparen“ – das wollen sie, vom Diplomingenieur bis zum Verwaltungsfachmann. Die Hektik des Betriebes draußen prägt den Arbeitsstil aller. Die Fließbandgeräusche dringen bis hierher. Wolfgang Zielke beginnt das Selbstvertrauen seiner Kursusteilnehmer rhetorisch zu stärken, zunächst mit einem Kompliment: „Ich weiß, Sie stecken alle in der Tretmühle.“ Dann balanciert er die Polemik seiner Gegner auf der Waage historischer Vorurteile: „In Deutschland wurde von jeher Schnelligkeit mit Oberflächlichkeit gleichgesetzt. Deshalb ist es so schwierig, eine Leseschule zu organisieren.“

Er wagt es trotzdem. Seine lächelnde Überlegenheit soll die Zuversicht verbreiten: Ich weiß es besser! Er pocht noch einmal darauf: „Jetzt lesen Sie noch durchschnittlich 250 Wörter in der Minute. In zwei Wochen werden Sie alle 400 bis 500 Wörter lesen können, also doppelt soviel wie jetzt. Nur einer unter meinen zweitausend Teilnehmern hat dieses Ziel nicht erreicht.“ Er greift nach der Kreide, denn er glaubt allen eine Erklärung schuldig zu sein. Seine Hand zeichnet ein Fachkürzel an die Tafel: „WpM“. Ein Ausdruck, der schon gefallen ist und nun fast jeden Satz begleiten wird: „Wörter pro Minute“ heißt das. Es ist die Machzahl des Lesespezialisten.