Schreibmuster

Peter Handkes Erstlingsroman „Die Hornissen“

Von Wolfgang Werth

Auf Nummer Sicher gehen – wer nicht wagt, gewinnt!“ Diese Parole, die ein bundesdeutscher Wahlkampfstratege, ein Gegner des Zahlenlottos oder ein Produzent von Antibabypillen erfunden haben könnte, scheinen manche Literaten zur Maxime ihres Schreibens gemacht zu haben. Auf Nummer Sicher gehen heißt, den Überraschungen ausweichen, die man zwangsläufig erleben würde, ließe man sich auf das Abenteuer mit der Wirklichkeit ein – und heißt einen modus scribendi finden, der volle Immunität garantiert. Statt Wirklichkeit ins Bild zu bringen, denkt man sich subjektive Schreib- und Beschreibungsmuster aus, die nur das gelten lassen müssen und dürfen, was ihnen paßt.

Texte, die auf diese Weise entstehen, haben sich allein durch die Schlüssigkeit ihres internen Bezugssystems zu rechtfertigen. Ihre Verfertigung verlangt vom Autor keine hohen Schöpfergaben, wohl aber einige Intelligenz und Kombinationsfähigkeit. Wer die Grenzen des eigenen Entwurfs kennt und in ihnen seinen Text sorgfältig arrangiert, kann durchaus hochartifizielle Prosagebilde zustande bringen, Beispiele eines literarischen Kunsthandwerks, das seine Bewunderer findet, auch wenn dabei meist ehrfürchtige Langeweile im Spiel ist.

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Wo aber die Bedingungen des selbstgewählten Musters mißachtet werden, wo anderes beabsichtigt wird, als im engen Rahmen des Möglichen geschehen kann, zerbricht das Gebilde, noch ehe es entstanden ist. Das zeigt sich bei der Lektüre des ersten Prosaversuchs von

Peter Handke: „Die Hornissen“, Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 277 Seiten, 16,80 DM.

Das Buch will den vergeblichen Versuch protokollieren, eine nur noch partiell erinnerliche Fiktion neu zu fixieren; zugleich soll die Fiktivität jeglicher Erinnerung kenntlich werden. Handkes Entwurf (der am Schluß der „Hornissen“ wichtigtuerisch erläutert wird) geht von einer recht zweifelhaften Spiegelsituation aus: Ein blinder Mann, der wesentliche Ereignisse seiner Kindheit aus dem Gedächtnis verloren hat, ist fest davon überzeugt, vor Jahren, vor seiner Erblindung, ein Buch gelesen zu haben, von dem er meint, daß es sozusagen eine Vor-Schrift seiner eigenen Lebensgeschichte gewesen sei. In diesem Buch erinnerte sich ein Blinder, ebenfalls bruchstückhaft und „ohne Ordnung“, an Geschehnisse aus seiner Kindheit, die später (als er die Lektüre schon vergessen hatte) im Leben des sich nun an das Buch erinnernden Blinden ihre genaue Entsprechung gefunden haben. Erzählt wurde „von zwei Brüdern, von denen später der eine, als er allein nach dem abgängigen zweiten sucht, erblindet; es wird aus der Erzählung nicht ganz klar, durch welches Ereignis der Knabe erblindet; es wird nur mehrmals gesagt, daß ein Kriegszustand herrsche; die näheren Angaben über das Unglück jedoch fehlen, oder er hat sie vergessen“.

Der erste Blinde hat es also im Gegensatz zu seinem fiktiven Spiegelbild mit zwei fragmentarischen Erinnerungssphären zu tun. Es beunruhigt ihn angeblich, daß sowohl in seiner eigenen Lebensgeschichte als auch in dem Buch Lücken klaffen, die sein Gedächtnis nicht schließen kann. Er weiß, daß etwas fehlt, aber er weiß nicht „was es ist und wie es ist“, und das „macht ihn begierig zu wissen“. Wenn es ihm mit diesem Wunsch wirklich so ernst ist, wie behauptet wird, wäre es wohl das Nächstliegende, er stellte Nachforschungen an: Ein Rundschreiben an alle Bibliotheken fände vielleicht einen Empfänger, der das gemeinte Buch zutage fördern könnte.

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