Von Diether Stolze

Niemand weiß, auf welchen Wegen das Gold nach Frankreich geschafft wird: Mit dem Flugzeug, mit dem Schiff oder – wie manche vermuten – mit U-Booten. Bekannt ist nur, daß seit Beginn dieses Jahres im Schnitt jede Woche 10 Tonnen Gold aus New York abgeschickt werden – mit der Bestimmungsadresse Bank von Frankreich.

Der Wert des größten Goldschatzes der Welt, der in den Gewölben der New York Federal Reserve Bank in der Nähe der Wall Street aufbewahrt wird, hat sich durch diese Lieferungen seit Januar um etwa 350 Millionen Dollar vermindert. Während die Zentralbanken der meisten europäischen Länder sich damit begnügen, das durch Umtausch von Dollar erworbene Gold einfach in die für sie reservierten Tresorräume der New Yorker Reservebank schaffen zu lassen (Deutschland etwa hält den größten Teil seines Goldbestands in Amerika), besteht die Pariser Notenbank auf Anweisung von Finanzminister Michel Debré auf Auslieferung der Goldbarren. De Gaulle erscheint es unerträglich, daß Frankreichs Gold „dem Zugriff einer fremden Macht preisgegeben“ sein könnte.

Seit der General in seiner Pressekonferenz Anfang vorigen Jahres die Forderung vertreten hatte, das Gold wieder zur einzigen international anerkannten Reservewährung zu erklären, stellt Frankreich seine Devisentransaktionen ganz in den Dienst der gaullistischen Außenpolitik. Natürlich wissen auch andere Staaten, wie eng die Verbindung von Währungs- und Machtpolitik ist – aber keine europäische Regierung zieht daraus so harte, manchmal fast brutale Konsequenzen wie die Minister de Gaulles. Ihr Ziel ist klar definiert: Die nach der Konferenz von Bretton Woods im Jahr 1944 geschaffene Währungsordnung, die Dollar und Pfund eine bevorrechtigte Stellung einräumten, soll durch ein neues System ersetzt werden, das den wichtigsten kontinentaleuropäischen Währungen (zumindest aber dem Franc) ihre „Gleichberechtigung“ wiedergibt. Und: Paris soll zum ersten Finanzplatz Europas aufgewertet werden, nachdem die Londoner City diesen Rang als Folge der permanenten Pfundkrise immer mehr verliert.

Der Gold-Devisen-Standard,der vor 22 Jahren beschlossen worden ist, hat Dollar und Pfund in den Rang international anerkannter Reservewährungen erhoben und damit praktisch dem Gold gleichgestellt. Inzwischen hat sich jedoch das wirtschaftliche Kräfteverhältnis verändert: Während Franc, Lira und Mark zu harten Währungen geworden sind, sprechen boshafte Währungspolitiker vom Pfund nur noch als dem „Reservekrüppel“. Auch der Dollar ist nur noch eine geduldete Leitwährung – abhängig vom guten Willen der Notenbanken, viele Milliarden Dollar in ihren Tresoren zu halten und nicht gegen Gold einzuwechseln. Gegenwärtig befinden sich rund 27 Milliarden Dollar in ausländischem Besitz – und jede Dollarnote ist, wie das Nachrichtenmagazin Time schrieb, „ein jederzeit einlösbarer Scheck auf den Goldhort in Fort Knox“. Wenn die USA alle diese „Schecks“ tatsächlich einlösen müßten (was praktisch nahezu ausgeschlossen ist), wären sie nicht zahlungsfähig: Die Goldreserven der USA sind nur noch halb so groß wie ihre Dollaraußenstände. Da aber niemand einen plötzlichen Zusammenbruch der internationalen Währungsordnung wünschen kann, nehmen alle Länder Rücksicht auf die USA – alle bis auf Frankreich.

Noch vor wenigen Jahren wäre eine „Kampfansage“ des Franc gegen den Dollar als lächerlich empfunden worden. Auch nach de Gaulles Pressekonferenz im Februar 1965 meinte ein hoher Beamter des US-Schatzamtes: „Alles was dieser Mann versuchen kann, ist, den Dollar ein bißchen zu ärgern.“

Aber obwohl der wirtschaftliche Abstand zwischen den USA und Frankreich noch immer gewaltig ist (das amerikanische Sozialprodukt ist siebenmal größer als das französische), nimmt Washington heute die Herausforderung sehr ernst. Immerhin hat de Gaulle erreicht, daß die amerikanischen Goldreserven auf ihren niedrigsten Stand seit 28 Jahren gesunken sind.