Dabei ist freilich zu berücksichtigen, daß explication de texte im Spitzerschen Sinn nichts mit jener fatalen werkimmanenten Interpretation zu tun hat, die es heutzutage Dilettanten ohne historische, biographische oder soziologische Kenntnis ermöglicht, zu einem Text – unter dem Vorwand, nichts herantragen zu wollen – ein paar sich inspiriert gebende Tiefsinnigkeiten zu äußern, Nachdichtungen und lyrische Paraphrasen, die den Gegenstand nicht erhellen, sondern verdunkeln. Spitzer hingegen begnügt sich nicht mit der Deutung von Sprachrhythmen und Satzmustern, von syntaktischen Strukturen und Entsprechungen, er notiert auch, wann ein Wort zum erstenmal in der Literatur auftaucht, stellt Vergleiche an und zitiert Zeugen, die mit dem Text auf den ersten Blick scheinbar gar nichts zu tun haben. (Wie einleuchtend aber, wenn die zeitlose Allegorie Donnes dem anschaulichen Bild – große Beatrice! – von Dante und Johannes gegenübergestellt wird, das Geistiges im Sinne einer konkreten Vorstellung und die himmlische Liebe am Exempel der irdischen vorstellt!)

Wie sehr die explication de texte für Spitzer (viel mehr noch, als er selbst wahrhaben wollte) nur die Interpretationsbasis war, das – – Fundament und nicht das ganze Haus, beweist gerade der zweite Essay, der die Explikationsmethode auf Voltaire anwendet, die Epitre Les Vom et les Tu (ein Poem, das der reich und entseelt gewordenen Geliebten von einst gilt) behutsam analysiert und mit diesem Gedicht einen Brief konfrontiert, den der Greis Voltaire 1770 an Madame Necker schrieb. In dieser Epistel ist die Rede vom Auftauchen eines Bildhauers in Fernay und von der Vermutung der Dorfleute, jetzt werde man den alten Einsiedler wahrscheinlich sezieren. Ein Scherz Voltaires? Eine makabre Moritat, berichtet, um die Schaulust der Menschen zu charakterisieren, die sich, o vanitas vanitatum, am Marionettentheater nicht anders als am festlichen Hochamt oder dem Anatomiegrusel erfreuen? Kein Zweifel, daß, um solche Fragen zu lösen, die reine explication de texte keineswegs, zum Ziel führt – und folgerichtig zögert Spitzer nicht (ein Verbrechen in den Augen aller Hohen Priester der werkimmanenten Beschwörung!), die Friedhofspoesie des achtzehnten Jahrhunderts zu zitieren, Goethes Gedicht auf Schillers Schädel heranzuziehen und des alten Rembrandts zu gedenken, der, wie Voltaire, in einem Akt der Antizipation den Verwesungsprozeß des eigenen Leibes darstellte.

Und endlich dann der letzte und kühnste Essay: amerikanische Werbung verstanden als populäre Kunst, die erste, unter literarischen Aspekten durchgeführte Analyse der Madison-Avenue-Praktiken.

Explication de texte heißt in diesem Fall Interpretation eines Werbeplakats, das, orangefarben, Gebirgszüge mit Orangenbäumen, dahinter eine Orangensonne, davor ein Riesenglas Orangensaft, daneben ein kleines Glas Orangensaft samt einer Orangenpresse und in der linken Ecke die Unterschrift zeigt: „From the sunkist groves of California. Fresh for you

Von diesem Bild ausgehend, trägt Spitzer eine Deutung vor, die so konsequent, so meisterlich aufgebaut, so aspektreich und so fruchtbar ist, daß man sie in Seminaren verwenden sollte, um zu zeigen, was eine Interpretation alles zu leisten vermag. Radikal poetisierend, den Menschen ausschaltend, neue Bezüge vermittelnd, die Kausalität außer Kraft setzend, erweckt die Reklame, wie es Spitzer nachzuweisen gelingt, im Betrachter die Illusion, es sei ihm möglich, unter Umgehung aller Realien den Nektar an der Quelle selbst zu trinken. Um aber diese Imagination zu erreichen, bedient sich das Plakat einer Reihe von literarischen und zumal rhetorischen Techniken: Es arbeitet mit dem Prinzip der Wiederholung (die Wiederkehr des Orangemotivs), es hebt den Archetypus, das große Glas, in der gleichen Weise heraus wie die Maler Christus im Verhältnis zu seinen Nebenfiguren, die Bleigießer den Hauptmann gegenüber den gemeinen Bleisoldaten heraushoben. Das große und das kleine Glas verhalten sich zueinander wie Typus und Variation, Urbild und Abbild, Muster und verwendbares Detail (das kleine Glas zum Trinken, das große zum Bewundern).

„Sunkist“ aber ist eine Ablativ-Partizip-Bildung, die, im Sinne barocker Metaphorik geformt, Shakespeare-Stilelemente plakativ kopiert: „sunkist“ statt „sun-kissed“! Kein Zweifel, daß Leo Spitzer hier der Philologie ein neues Feld erschlossen hat: Werbung als Gegenstand stilistischer und rhetorischer Analysen, Interpretation einer Poesie der Reklame, einer visuellen Beredsamkeit, deren Gesetze bisher noch nicht durchschaut worden sind. (Es gibt nur Ansätze, etwa Roland Barthes’ Beschreibung des neuen Citroën, mit dem Hinweis darauf, daß die Abkürzung DS, im Französischen deesse, also Göttin heißt, oder vor allem Gui Bonsiepes Aufsatz „Visuellverbale Rhetorik“, mit vielen beispielhaften Abbildungen versehen, in der Zeitschrift der Hochschule für Gestaltung, ulm 14/15/16, erschienen).

Eingehende Betrachtungen der Werbungstechnik, die mit dem Arsenal der literarischen Rhetorik traditioneller Art und den Methoden der modernen Informations- und Kommunikationswissenschaft arbeiten müßten, hätten dabei die „midcult“- Elementes, die Verklärung der anzubietenden Objekte durch einen Stil zu erhellen, der aus jenen typischen Elementen besteht, die einem Maximum von beeinflußbaren Menschen als „poetisch“ (im affirmativen Sinn) erscheinen. Im Gegensatz zu Spitzer glaube ich dabei freilich nicht, daß Werbungstext und Werbungsbild gleichsam in unsichtbare Anführungszeichen gesetzt sind und auch parenthetisch gelesen werden können (so ernst sei diese Poetisierung des Prosaischen nun wieder nicht gemeint...), sondern meine im Gegenteil, daß gerade die appellativen Momente, auf die auch Spitzer verweist, das betonte, jeden einzelnen Beschauer anpeilende you (fresh for you), die Predigtelemente der Reklame, die Verkündung von Werbeevangelien, die auch dich angehen (denn du sollst erlöst, dein Leben soll verbessert, dein Glück vervollkommnet werden) – daß all dieses es zweifelhaft erscheinen läßt, ob die Angelsachsen wirklich im Gegensatz zu den Deutschen und, in anderer Weise, den Romanen dem Wort so viel gesundes Mißtrauen zollen, daß sie, die im Sprechen nichts Endgültiges sehen, gegen den Ansturm der Reklameimperative gefeit sind. Ganz abgesehen davon, daß gerade den Deutschen das Wort jahrhundertelang eben nichts Absolutes war (denn es verfälschte ja die Tiefe des Gedankens, und das Crocesche, von Spitzer zitierte „quello che non è espresso non esiste“, war deutscher Auffassung von dem Eigentlichen, das nicht formuliert, sondern nur erahnt werden könne, gründlich zuwider), abgesehen auch davon, daß romanische Formelbewunderung noch nicht bedeutet, der vom Glanz einer Sentenz Begeisterte sei auch mit dem vorgetragenen Inhalt einig. Vom Kunden, der angesichts der Werbung den Part des Skeptikers übernimmt und die Reklame zunächst einmal in Gänsefüßchen setzt, hätte Leo Spitzer im Jahre 1966 gewiß nicht mehr gesprochen. Gerade in Amerika nicht, wo die Devise (Kenneth Burke hat das in seinen Büchern über die Rhetorik und die Grammatik der Motive ausgeführt) nicht Distanz, sondern Identifikation heißt.