Der Maestro und der MeisterSeite 2/2
Als ihn ein Photograph und ein Kameramann mit ihren Geräten allzu lange und allzu dicht umschwirren, erinnert er an die Strapazen des Konzerts, das er zwei Tage zuvor in Warschau gegeben, und an die moderne Oper „Morgen" von Tadeusz Baird, die er tags darauf gehört hat, und also daran, daß er nicht sehr frisch aussehe „Ich bin nun schon ein alter Mann", sagt er und hüpft kokett dazu. Ja, sehr recht, im Januar werde er achtzig, und daran liege es wohl auch, daß er die Modernen nicht sonderlich mag „Ich bin zu alt für diese Musik, ich verstehe sie einfach nicht: eeeee rumbum tschschbsssss Achselzucken. Und: „Wenn mans nicht versteht, hat man kein Recht, es zu beurteilen Moderne Musik? Schwierig, schwierig. Er fühlte sich ganz offensichtlich in der Rolle jener Dame, die — er erzählt es — vor einem Werk Picassos steht und fragt, was es denn darstelle. Antwort: hunderttausend Dollar.
Schließlich wird er nach seinen Memoiren gefragt. Ja, er schreibe daran, aber: „Ich schreibe nicht so gern, was ich erlebt habe, sondern das Leben um mich herum. Sehen Sie, ich kannte ja alle und zählt Namen auf: Paderewskij, Rimsky Korsakoff, Debussy, Ravel — die Liste nimmt lange kein Ende, und als er Joseph Joachim, den Geiger erwähnt, der ihn in seiner Jugend protegiert habe, wird klar und bleibt trotzdem unwirklich: daß dieser Joachim die unmittelbare Verbindung darstellt zwischen Rubinstein und Robert Schumann, deren beider Freund er war. Hundertfünf zig Jahre Musikgeschichte. Er geht, mittelgroß, kräftige Statur, markanter Kopf, gleichmäßig weißes, welliges Haar, leicht nachgezogene Augenbrauen, brauner Anzug, rosabraunes, vorn plissiertes Hemd, im Knopfloch die rote Rosette der französischen Ehrenlegion, gelb braun gemusterte, glänzende Seidenkrawatte. Gibt ein Autogramm („aber gern"). Vorbei: Eine halbe Stunde mit Artur Rubinstein.
- Datum 30.09.1966 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 30.9.1966 Nr. 40
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