Von Uwe Nettelbeck

Von Dorothy Sayers gibt es einen gemütlichen Lord-Peter-Wimsey-Roman, der in Oxford spielt und geschickt die ein wenig wunderliche Atmosphäre der berühmten englischen Universität ausbeutet. Von der ein wenig wunderlichen Atmosphäre der berühmten englischen public schools sollte der Krimi des ehemaligen Etonlehrers David J. M. Cornwell profitieren –

John le Carré: „Ein Mord erster Klasse“ („A Murder of Quality“), Roman, aus dem Englischen von Hans Bütow; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 212 S., 14,80 DM.

Der Waschzettel jedenfalls deutet diese Absicht an: „Mit ebenso faszinierender Genauigkeit wie in seinen anderen Romanen seziert hier der Autor die isolierte Gesellschaft einer englischen Privatschule, die einer der Hauptakteure als Sanatorium für leprakranke Intellektuelle‘ bezeichnet. Der Zwang, die Traditionen und Konventionen eines toten Zeitalters künstlich am Leben zu erhalten, erzeugt ein Klima allgemeiner Klaustrophobie, in dem die Lüge, die Heuchelei, die Angst und das Verbrechen gedeihen.“ Und in einer Bemerkung, die Cornwell dem Roman vorangestellt hat, heißt es: „Es. gibt wahrscheinlich ein Dutzend großer Schulen, von denen man mit Überzeugung versichern wird, daß nur sie für Carne als Vorbild gedient hatten. Aber wer in ihnen nach den D’Arcys, Fieldings und Hechts Ausschau hält, wird vergeblich suchen.“

Das klingt gut: ein neuer Roman von John le Carré, der auf einer public school spielt. Sieht man aber näher hin, wird es traurig. Einmal ist der Roman keineswegs so neu, wie es uns der Waschzettel der eben erschienenen deutschen Ausgabe weismachen will; seine Originalausgabe kam schon 1962 bei Victor Gollancz heraus, also noch vor „The Spy who Game in from the Cold“ und „The Looking-Glass War“, den beiden 1963 und 1965 erschienenen Spionage-Thrillern, die Cornwell populär gemacht haben. Zum zweiten ist die Phantasieschule, auf der die Geschichte sich zuträgt, so vage charakterisiert, daß man hinter ihr jede englische Privatschule vermuten kann, die über ein altes Gemäuer verfügt und deren Zöglinge eine Schuluniform tragen: Vergeblich wird suchen, wer in diesem Buch nach Indizien dafür Ausschau hält, daß sein Verfasser einmal eine public school aus der Nähe gesehen hat; was man erfährt, ist nur, daß manche public schools sich in einem alten Gemäuer eingenistet haben und daß ihre Schüler Uniformen tragen und meist aus vermögenden Familien stammen, aber wer wüßte das nicht. Und zum dritten ist auch noch die Geschichte selber schwach, ein Dutzend-Krimi.

Da bekommt eine Miß Brimley, ihres Zeichens Redakteurin und Herausgeberin eines frommen Blättchens, einen Leserbrief, dem sie entnehmen muß, daß eine gewisse Mrs. Rode, ihres Zeichens Ehefrau eines Internatslehrers, um ihr Leben bangt: „Ich bin nicht verrückt, und ich weiß, daß mein Mann versucht, mich zu töten. Miß Brimley setzt daraufhin ihren Freund George Smiley in Marsch, den sie während des Krieges bei ihrer Arbeit für die Spionageabwehr kennengelernt hat, eben jenen Smiley, der in den späteren Romanen Leamas aufs Kreuz legt und Leclercs Wahnsinnsoperation abblasen muß. Smiley also macht sich auf, natürlich kennt er den rangältesten Internatsleiter von Garne von früher, es soll schließlich die Geschichte nicht wegen eines Mangels an Zufällen steckenbleiben. Aber als er in Carne eintrifft, ist Mrs. Rode schon eine Leiche, ermordet des Nachts mit einem Knüppel, einem Stück Rohr oder sonst etwas im Wintergarten ihres Hauses. Die Spuren deuten auf ihren Mann, aber es ist auch noch eine verrückte Alte im Spiel, die man in der Gegend gesehen hat und hinter der die Polizei nun vor allem her ist. Doch weder der eine noch der andere Verdacht läßt sich hinreichend erhärten. Es stellt sich außerdem heraus, daß es zwischen Mrs. Rode und dem Rest der Belegschaft nicht zum besten stand, sie hatte alle in der Hand und haßte sie gründlich, sie kam aus kleinen Verhältnissen. Fragen bleiben offen, ein Schüler kommt noch zu Tode, merkwürdige Kleinigkeiten geraten ans Licht, Smiley denkt nach und reimt sich etwas zusammen, natürlich die Wahrheit – Rode war es nicht, am Ende war jemand anderes der Mörder, natürlich jemand, von dem man es nicht gedacht, und aus Gründen, die keiner vermutet hatte.

Mühsam schleppt sich das bis zum bitteren, mit einer Lebensweisheit gewürzten Ende. Cornwell hat viel damit zu tun, die magere Intrige nach allen Seiten abzusichern, die falschen und die richtigen Spuren aufeinander abzustimmen, den Gang der Handlung immer wieder unter dem Krimskrams hervorzuholen, der sich wie von selber ausbreitet, mehr als es das Buch vertragen konnte, kein Krimi verträgt das.

Cornwell wollte alles auf einmal: einen Krimi schreiben, der Hand und Fuß hat, und zugleich ein Buch, dessen Handlung an einen vertrauten Ort verlegt ist, an eine vornehme Internatsschule, deren Atmosphäre er schildern wollte. Ein Mordfall mußte her, und der sollte möglichst kompliziert sein, aber es sollte zugleich auch eine Institution unter die Lupe, an der er etwas aussetzen wollte. Doch das Dilemma, das sich daraus ergab, ist genau verkehrt herum gelöst: Statt sich einen Mordfall auszudenken, der auf einer public school passieren könnte, also einen Mordfall, der zufällig an einer public school passiert, und diese dann an Hand der Veränderungen zu schildern, die das Unvorhergesehene so verräterisch auslöst, hat Cornwell eine public school entworfen, der man schon von weitem anmerkt, daß auf ihr Morde passieren müssen. Und darunter litten zwangsläufig sowohl der Krimi wie die Internatsgeschichte: die Internatsgeschichte, weil sie auf keinen Mordfall zurechtgebogen ist und dabei bis auf die paar vagen Charakteristika alles eingebüßt hat, was sie hätte interessant machen können, der Krimi, weil es trotzdem noch hinten und vorne nicht passen will, weil man spürt, daß der Mordfall nur die Internatsgeschichte aufputzen sollte. Cornwell hat sich übernommen: Weil er alles auf einmal wollte, ist ihm das meiste danebengegangen; wer das Buch liest, weil er sich von ihm eine Eton-Geschichte verspricht, wird ebenso enttäuscht sein wie der Krimi-Fan, der sofort ein halbes Hundert Autoren nennen kann, von denen dieser Roman noch eine Menge hätte profitieren können.