Helmut Heiber: Die Katakombe wird geschlossen. Scherz Verlag, München; 66 Seiten, 9,80 DM

Auf der Bühne steht Werner Finck, der bei seinem Schneider einen Anzug bestellen will. Der Schneider fragt ihn: „Wie wünschen Sie die Revers?“ Finck lispelt, sie sollten recht breit sein, damit ein bißchen was draufginge. Er sagt dann: „Vielleicht gehen wir alle mal drauf. Der Kronprinz hat ja gesagt: Immer feste druff.“

Der Schneider bittet ihn, Maß nehmen zu dürfen, und erhält die Antwort, das „Maßnehmen“ sei man gewöhnt. Schließlich wird Finck aufgefordert, den rechten Arm hoch zu heben – mit geschlossener Faust, der Schneider murmelt das angebliche Maß 14/18, ein paar Anspielungen über 18/19, das heißt, die sogenannte Novemberrevolution, folgen, und Finck bleibt stehen, den rechten Arm erhoben. Es fällt die Zahl „33“.

Der Schneider fragt: „... ja, warum nehmen Sie denn den Arm nicht herunter? Was soll denn das heißen?“

Finck antwortet: „Aufgehobene Rechte...“ Der Sketch wurde am 9. Mai 1935 im Kabarett „Katakombe“, Berlin, Lutherstraße 22, aufgeführt, und der überwachende Beamte der Gestapo namens Sattler, der am nächsten. Tag seinen Bericht verfaßte, charakterisiert die Atmosphäre so: „Das Lokal war voll besetzt und der Saal umfaßte etwa 200 Personen, davon etwa 3 Prozent Juden. Uniformen, Partei- und sonstige Abzeichen waren nicht zu sehen. – Bürgerliches Publikum. – Der Ansager war Werner Finck. Dieser und Heinrich Giesen sind die Witzemacher. Fast jede Darbietung war von Witzen und zum Teil groben Anzüglichkeiten begleitet, welche sich gegen den Staat und einzelne Persönlichkeiten richteten.“

Hitler war zu diesem Zeitpunkt über zwei Jahre an der Macht, er hatte vor einem Jahr einige SA-Führer und neben anderen politischen Gegnern den General v. Schleicher ohne Urteil erschießen lassen, die allgemeine Wehrpflicht war in Deutschland eingeführt, die Saar heim ins Reich gekehrt, die Erfolge des sogenannten Führers, der die Arbeitslosen von der Straße gebracht und die Autobahnen ersonnen hatte, waren offensichtlich, was also wollte dieser intellektuelle Meckerer mit seinem zersetzenden Witz? Es war offenbar Zeit, mit diesem Gesindel aufzuräumen und Ordnung zu schaffen – so griff man also zu.

Es war noch Frieden, die großen Erfolge standen noch bevor, die das Herz höher schlagen ließen, denn Österreich, das Sudetenland, das Memelland waren noch nicht ins Reich heimgekehrt, man hatte noch Blitzsiege vor sich, Sondermeldungen und Siegesfanfaren, und auch die Rückschläge hatte man noch vor sich und die totale Niederlage, auf den Tag genau zehn Jahre nach jenem Kabarettabend in der „Katakombe“.

Es ging dann alles ganz ordentlich zu, auch dies auf dem Verwaltungswege. Das Geheime Staatspolizeiamt an den Verbindungsführer bei der Adjutantur des RFSS unter Aktenzeichen B. Nr. II A/M teilte mit, die SA, der Volkszorn in Uniform, wolle das Lokal demolieren. „Um diesen Ausschreitungen zuvorzukommen“, schreibt da ein Herr Müller, „wolle man zur Gewährleistung der Sicherheit ihrer eigenen Person in Schutzhaft nehmen Werner Finck, Ansager, Heinrich Giesen, Vortragskünstler, Walter Trautschold, Zeichner, Rudolf Platte, Vortragskünstler, Walter Lieck, Ansager und Walter Gross, Vortragskünstler.“

Es hat manchen in jener Zeit das Leben gekostet, zur Gewährleistung der eigenen Sicherheit in Schutzhaft genommen zu werden, hier aber ging es noch glimpflich ab. Parallel zu dieser Aktion ging die gegen das „Tingel-Tangel“, das von Günter Lüders geleitet wurde.

Der von Helmut Heiber als Dokumentation herausgegebene Band enthält die gesamte „Aktenlage“, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt, die Berichte der Herren vom Staatspolizeiamt, die Denunziationen und Versuche, sich aus der Sache herauszuhalten, die ganze korrekte, perfekte und für die Epoche charakteristische Verwaltungsprozedur, Protokoll und Ministerbericht, bis dann die „Vollzugsmeldung“ erstattet ist: Die o. a. Intellektuellen sind ins Lager Esterwegen „überstellt“, auf sechs Wochen in ein Lager mit „körperlicher Arbeit“. Arbeit adelt.

Am 26. Oktober 1936 wurde dann gegen die Angeklagten wegen Vergehens gegen das „Heimtückegesetz“ verhandelt, und es gab Freispruch mangels ausreichender Beweise. Die beteiligten Richter sollen, so hörte man, in die Provinz versetzt worden sein.

In der Zeitung stand das damals auch, allerdings „sprachgeregelt“: Verunglimpfung des Staates, Wehrpflicht in den Schmutz gezogen, über politische Vorgänge Glossen gemacht, Verhöhnung der großen, tragenden Einrichtungen – ein Vokabular, das noch nicht außer Mode gekommen ist. Man hat das auch damals als rechtens und in Ordnung hingenommen, war wohl gegen zuviel „Gedankenfreiheit“, Ordnung muß schließlich sein. Werner Finck bekam Berufsverbot, das allerdings 1936 aufgehoben wurde. Er hat dann bei Willi Schaeffers im „Kabarett der Komiker“ noch kurz auf der Bühne gestanden, bis er am 31. 1. 1939 aus der „Reichskulturkammer“ ausgeschlossen wurde. Im Kriege machte er in „Truppenbetreuung“, Motto, allerdings unausgesprochen: „Der brave Soldat schweigt.“

Auch dieser Band der vom Scherz-Verlag veranstalteten Reihe „Archiv der Zeitgeschichte“ ist verdienstlich. Er stimmt in vielerlei Hinsicht melancholisch, überdenkt man die Wirkung und Entwicklung der Intellektuellen, denen damals wie heute der andere gegenübersteht, damals wie heute in unangreifbaren Positionen und mit einem fabelhaft guten Gewissen.

Werner Finck, so heißt es im Nachwort, hat sich „vom aktuellen politischen Witz zurückgezogen“. Ein Denkmal, seiner selbst, wird er noch nachdenklicher geworden sein als er damals wirkte, wenn er über „aufgehobene Rechte“ sinnierte – nur in der Unfreiheit gedeiht die Narrenfreiheit? Hannsferdinand Döbler