Rom, im Oktober

Nirgendwo in Europa wurden die Nachrichten über die Vietnam-Konferenz von Manila mit größerer Aufmerksamkeit verfolgt als im Vatikan. Ihre Beschlüsse werden die Antwort auf die Frage beeinflussen, ob der Papst sich zum Schauplatz des Krieges begeben wird. Gesprochen – freilich vom Vatikan auch dementiert – wird von einer Flugreise Pauls VI. um die Welt, die alle neuralgischen Punkte im west-östlichen Spannungsbogen berühren soll.

Paul VI. zögert – anders als Pius XII. – nicht, sich persönlich einzusetzen, um den Weltfrieden zu retten. Er erinnert sich, wie kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges Pius XII. die Idee hatte, einfach in ein Flugzeug zu steigen und sich in die Höhle des Löwen – also zu Hitler – zu begeben. Vielleicht – so meint man heute im Vatikan – hätte Hitler den Papst verhaften und umbringen lassen; vielleicht wäre der Krieg trotzdem ausgebrochen. Aber ist es von vornherein ausgeschlossen, daß Hitler, vom Wagemut des Papstes beeindruckt, in seinem Amoklauf haltgemacht hätte?

Diese Frage stellt sich jetzt Paul VI., und er will nichts unversucht lassen, um den Frieden in Südostasien wiederherzustellen. Ihn, den sein Vorgänger, Johannes XXIII., einen Hamlet genannt hatte, weil er in Dingen der Kirchenführung oft eine unentschlossene Haltung zeigte, drängt es zum Handeln. Er schiebt plötzlich die Regeln der diplomatischen Tradition beiseite, als fürchte er die gleiche Anklage, die nachträglich gegen Pius XII. erhoben worden ist.

Wenige Tage nach der Audienz, die der Papst dem sowjetischen Außenminister Gromyko gewährte, schickte er Anfang Mai seinen Privatsekretär Monsignore Macchi in Begleitung eines Mitgliedes des Staatssekretariates nach Saigon. Nach ihrer Rückkehr berichteten die beiden Emissäre über die negative Entwicklung in Südvietnam. Die innenpolitische Lage: Katholiken gegen Buddhisten, und radikale Buddhisten gegen Gemäßigte, ließ damals ein unmittelbares Auftreten des Papstes nicht ratsam erscheinen.

Ende Juli wurde dann der junge buddhistische Bonze aus Südvietnam, Thich Nhat Hanh, vom Papst in seiner Sommerresidenz in Castel Gandolfo empfangen. Seine beschwörende Bitte an Paul VI., doch sein Vaterland zu besuchen und an Ort und Stelle zu intervenieren, um Frieden zu stiften und besonders auf die militant antikommunistischen Katholiken aus Nordvietnam mäßigend einzuwirken, hat einen tiefen Eindruck auf den Papst gemacht. „Von ganzem Herzen bitte ich Eure Heiligkeit“, so habe der buddhistische Bonze gesagt, „uns in dieser gefährlichen Stunde zu helfen. Wenn Eure Heiligkeit unseren katholischen Brüdern den Rat geben wollte, mit den anderen religiösen Gruppen in Vietnam zusammenzuarbeiten, damit der grausame Krieg beendet wird, dann könnte die geistige Macht die brutale Gewalt besiegen.“

Diese Bitte gab den Anstoß für die Entsendung von Monsignore Pignedoli, dem apostolischen Delegaten in Ottawa und langjährigen persönlichen Freund des Papstes, nach Saigon. Paul VI. machte den erfahrenen Diplomaten und Prälaten Pignedoli zum päpstlichen Legaten, also zu einem persönlichen Vertreter für die ihm anvertraute Mission.