Als Deutschland noch einmal sein Kriegsglück versuchen wollte / Von Karl-Heinz Janßen

Vor fünfzig Jahren, im Advent des Kriegsjahres 1916, reichte das kaiserliche Deutschland seinen Feinden die Hand zum Frieden. Aber die Regierungen Englands, Frankreichs und Rußlands wiesen das Friedensangebot der Mittelmächte hohnlachend zurück, da sie es, zu Recht, als erstes Eingeständnis der Schwäche deuteten. Tatsächlich waren die Siegesaussichten des Deutschen Reiches derart gering, daß sich Reichskanzler Theodor von Bethmann Hollweg schon zu Weihnachten 1915 mit den Alliierten über einen Frieden verständigen wollte – wäre ihm nicht General Erich von Falkenhayn in den Arm gefallen. In seiner berühmten Weihnachtsdenkschrift überzeugte der Generalstabschef den Kaiser, daß Deutschland bei Verdun noch einmal das Kriegsglück versuchen müsse. Diesenoch unbekannte Episode des Ersten Weltkrieges entnehmen wir einem Buch, das soeben im Musterschmidt-Verlag, Göttingen, erschienen ist (Karl-Heinz Janßen: „Der Kanzler und der General. Die Führungskrise um Bethmann Hollweg und Falkenhayn 1914-1916“, 332 Seiten, 16 Bildtafeln, Ln. DM 48).

Einen entlarvenden Einblick in die Gedankengänge der deutschen Staatsmänner vermittelt ein Promemoria, das Staatssekretär von Jagow am 24. Juli 1915 für den Kanzler entwarf...

Als Maximum des Erreichbaren bezeichnete Jagow eine strategische Grenzverbesserung im Osten (also vermutlich einen polnischen Grenzstreifen), eine geringe Kriegsentschädigung von Frankreich (also nicht einmal das Erzbecken von Briey!), eventuell eine kleine Grenzberichtigung in Belgien (vermutlich Lüttich), dessen Integrität aber im übrigen wiederhergestellt werden müsse. Außerdem hielt er einen kolonialen Gewinn für möglich, allerdings nur gegen Preisgabe von Togo, Südwestafrika und Tsingtau.

Selbst in diesem günstigsten Falle hätte das Deutsche Reich jedoch, nach Meinung Jagows, auf seinen politisch-militärischen Einfluß in der Türkei und seine wirtschaftlichen Beteiligungen und Vorrechte in Anatolien und Mesopotamien ebenso verzichten müssen wie Österreich-Ungarn auf seine beherrschende Stellung im Balkan und auf gewisse italienische Sprachgebiete. Wegen der orientalischen Interessen und Machtstellungen aber hatten sich Deutschland und Österreich-Ungarn auf diesen Krieg überhaupt nur eingelassen, der Verlust wurde also durch die kleinen, allenfalls erreichbaren Gewinne keineswegs ausgeglichen.

Was hätte Deutschland dann überhaupt erreicht? Der Außenpolitiker flüchtete sich in die Formel von der siegreichen Selbstbehauptung, die auch Bethmann öfters verwendete, um das Minimum des Erreichbaren zu glorifizieren; als Ergebnis des einjährigen Ringens erhoffte er sich für Mitteleuropa eine längere Friedensdauer und für das Deutsche Reich ein gehobenes Prestige. Aber dennoch hat er sich nicht über eine schwerwiegende Erkenntnis hinweggetäuscht; Deutschland müsse, schrieb er in seinem Promemoria, „auf eine Weltpolitik auf Jahre hinaus verzichten“!

Der Papst als Friedensvermittler