Von Dietrich Strothmann

München, Ende Januar

Es begann am 20. Januar 1942, vor genau 25 Jahren. In einer SS-Villa am Berliner Wannsee erläutert Gruppenführer Reinhard Heydrich seinen Plan zur „Endlösung der Judenfrage“. In einem Protokoll über diese Besprechung heißt es: „Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht... Im Zuge der praktischen Durchführung der Endlösung wird Europa von Westen nach Osten durchgekämmt... Die evakuierten Juden werden zunächst Zug um Zug in sogenannte Durchgangghettos gebracht, um von dort aus weiter nach Osten transportiert zu werden ...“ Nach Osten – das hieß damals: nach Auschwitz und Sobibor. Transport – das bedeutete 1942: Fahrt in die Gaskammern. Sechs Millionen Juden wurden dort ermordet. Tausende betätigten sich als ihre Mörder und deren Helfer, in den Vernichtungslagern und an den Schreibtischen in den SS-Zentralen.

23. Januar 1967. Der mit Palisanderholz getäfelte Sitzungssaal 270 im 2. Stock des Münchner Justizpalastes an der Elisenstraße füllt sich. Die Zeiger der Bronzeuhr über der Plastik einer milde lächelnden Gerechtigkeitsgöttin zeigen die neunte Stunde an. Von draußen dringt der Verkehrslärm des nahe gelegenen Stachus durch die hohen, gotisch geschwungenen Fenster.

Drinnen, im Schwurgerichtssaal, herrscht rege Geschäftigkeit. Scheinwerfer tauchen die Anklagebank in gleißendes Licht, Blitzlampen flammen auf, Filmkameras surren: Begleitet von Polizeibeamten werden zwei Männer hereingeführt. Der eine humpelt, er geht am Stock. Sie lassen sich filmen, verdecken nicht ihre Gesichter.

Hinter dem breiten Rücken ihres Verteidigers hält sich derweil eine kleine dunkelhaarige Frau versteckt. Sie trägt einen Mantel aus imitiertem Pelz, darunter ein schwarzes Kostüm. Es ist so streng geschnitten wie ihr Gesicht. Plötzlich entdeckt sie ein Photoreporter, bittet den Verteidiger, zur Seite zu treten. Und dann drängen sich auch schon seine Kollegen um die kleine, unscheinbare Frau, die ihre schmalen Lippen noch fester zusammenkneift. Auch sie läßt die Prozedur über sich ergehen, nimmt neben den beiden Männern in der Anklagebox Platz und richtet sich in ihrem Stuhl auf. In ihren Augen blitzt es drohend. Der Prozeß kann beginnen. Landgerichtsdirektor Dr. Karl Göppner spricht ins Mikrophon: „Zum Aufruf kommt die Sache Doktor Wilhelm Harster und andere.“

Es beginnt das erste große Verfahren in der Geschichte der NS-Prozesse gegen drei prominente „Schreibtischmörder“. Zum erstenmal nach dem Urteilsspruch über die „Kommandeuse“ von Buchenwald, Ilse Koch, ist eine Frau unter den Angeklagten. Dies ist kein gewöhnlicher Prozeß. Es geht um das Schicksal von 100 000 holländischen Juden, um die Mitschuld der zwei Männer und der einen Frau an diesen Verbrechen und um ein düsteres Kapitel deutscher Geschichte: um die „Endlösung der Judenfrage“ von 1942 bis 1945 in den Niederlanden.