Laute Geräusche sind technischer Rückschritt

Von Theo Löbsack

Von einer drastischen Methode, eine unerträgliche Lärmbelästigung endlich abzustellen, berichtet das amerikanische Magazin „Time“: Ein japanischer Student, so heißt es, wurde bei seinen Examensvorbereitungen durch einen Dampfhammer gestört, der vor seinem Studierzimmer unablässig Pfähle in den Boden rammte. Der junge Mann geriet darüber derart in Erregung, daß er hinauslief und seinen Kopf zwischen den Pfahl und den herabsausenden Hammer hielt.

Lärm geht uns offenbar auf die Nerven, und empfindsame Naturen kann er zur Verzweiflung treiben. Was Lärm anzurichten vermag, wußten schon die alten Chinesen, als sie Verbrecher zum „Musiktod“ verurteilten. Marcel Proust war so geräuschempfindlich, daß er sein Arbeitszimmer mit Kork ausschlagen ließ, um ungestört schreiben zu können. Noch nicht lange ist es her, da las man in den Zeitungen von der seltsamen Tat Michael Guttenbrunners, des Wiener Dichters und Staatspreisträgers. Guttenbrunner waranscheinend im Zustand verminderter Zurechnungsfähigkeit zur Wiener Höhenstraße geeilt, um dort mit einer Axt in der Hand „wider den Lärm in der herrlichen Natur“ vorzugehen. Er tat dies, indem er erbarmungslos auf alle Fahrzeuge einschlug, die ihm mit ihren nichtsahnenden Insassen begegneten.

Warum stört uns der Lärm, dieses lästige Abfallprodukt des technischen Fortschritts, was richtet er an, und was können wir gegen ihn tun?

Jeder weiß, daß ein lauter Knall einen Menschen vorübergehend taub machen kann. Wer längere Zeit starkem Lärm ausgesetzt ist, Kann sein Hörvermögen sogar für immer verlieren. Eingehende Studien haben den Zusammenhang zwischen dem Grad des Lärms und der Art der Hörschäden geklärt.

Körperliche Lärmschäden

Das Maß für die Lautstärke ist das Dezibel (dB), so genannt nach dem amerikanischen Erfinder des Telephons, Alexander Graham Bell (dezi = ein Zehntel). Ein dB steht für den geringsten Lautstärke-Unterschied, den das menschliche Ohr noch wahrnehmen kann. Auf der Dezibel-Skala bezeichnen zum Beispiel 10 dB das Geräusch, das beim normalen Atmen entsteht, 20 dB erzeugen vom Wind bewegte Blätter, etwa 50 dB entsprechen der Geräuschkulisse eines ruhigen Restaurants, 70 dB registriert man bei lebhaftem Straßenverkehr, 130 dB bei Maschinengewehrfeuer aus nächster Nähe, und 175 dB entwickelt eine startende Weltraumrakete.

Bei allen Untersuchungen, die körperliche Lärmschäden objektivieren sollen, müssen die Lärmdauer, die Lärmintensität und die Tätigkeit der beobachteten Personen berücksichtigt werden. Schaltet man Fehlerquellen aus, so zeigt sich, daß der Lärm nicht nur Hörschäden verursachen, sondern auch den Blutkreislauf und die Magentätigkeit beeinträchtigen kann. Auf das Konto des Lärms kommen beim Menschen:

  • periphere Gefäßverengungen;
  • Erhöhung des peripheren arteriellen Strömungswiderstandes;
  • unter Umständen Blutdrucksteigerung und Änderung der Herzfrequenz;
  • langsamere Verdauungstätigkeit;
  • Steigerung des Stoffwechsels, möglicherweise auf Grund einer Erhöhung der Muskelspannung.

Alle diese Erscheinungen sind vegetative Reflexe, die auch bei demjenigen auftreten, der meint, er schenke den Lärmreizen keine Beachtung. Wie der Zürcher Hygieniker Professor Dr. Etienne Grandjean sagt, können die vegetativen Reizzustände bei sehr starker Lärmwirkung auch auf das Hypophysen-Nebennierenrinden-System übergreifen. „Unter diesen Bedingungen“, schreibt Grandjean, „wirkt der Lärm wie ein Streß und löst zum Teil das von Selye beschriebene Anpassungssyndrom aus“.

Alle lärmenden Geräusche haben etwas gemeinsam. Sie wirken auf uns – bewußt oder unbewußt – als Schreckreize. Das heißt, sie sind mit einer „Erwartungsspannung“ verbunden.

Unser Ohr übt – ähnlich wie die Nase – eine Warnfunktion aus. Es dient uns nicht nur zur Verständigung, sondern läßt uns auch Gefahren erkennen. Geräusche, die als Lärm empfunden werden, haben solchen gefahrverkündenden Alarmcharakter. Sie bewirken, daß sich der Körper unbewußt auf eine Abwehrreaktion einstellt. Das Herz bereitet sich auf eine erhöhte Leistung vor. Das Nervensystem gerät in einen Zustand der Anspannung.

Das Ärgerliche an diesem angespannten Zustand ist, daß er sich so einfach nicht wieder löst. Denn die erwartete Abwehrreaktion, die „Entladung“, bleibt aus. Der Schreckreiz stellt sich als blinder Alarm heraus. Und das nicht nur einmal – in lärmreicher Umgebung geschieht es wieder und wieder, mit jedem neuen Geräusch läuft das Spiel des „Erschreckens“ mit der folgenden „Enttäuschung“ über die ausbleibende Abwehrreaktion ab.

Der vielleicht wundeste Punkt des Problems betrifft den Schlaf, das wichtigste Mittel, uns körperlich und seelisch wieder aufzufrischen. Jeder regelmäßig arbeitende Mensch braucht eine ausreichende Schlaftiefe und genügende Schlafdauer. Beide Voraussetzungen werden durch nächtlichen Lärm beeinträchtigt. Um gestört zu werden, braucht der Schläfer nicht einmal unbedingt zu erwachen. Auch schwächere Geräusche, die noch unter dem Schwellenwert des Weckreizes liegen, nimmt er unbewußt wahr, und er leidet unter ihnen.

Zu der lästigsten und gefährlichsten Lärmart zählen die Geräusche von schnell sich ändernder Reizstärke wie Hundegebell, wiederholtes Türenschlagen, auf- und abschwellende Motoren- und Pfeifgeräusche, ferner alle unverhofften und unberechenbaren Schallempfindungen, besonders solche von hoher Tonlage. Ein Mensch, der einem Lärm dieser Art ausgesetzt ist, kann seine Arbeit nur noch mit Mühe weiter verrichten. Hier tritt auch keine „Gewöhnung“ und damit Abstumpfung ein im Gegensatz etwa zu gleichmäßigen, leisen Geräuschen wie Uhrenticken. Geistig arbeitenden Menschen macht der wechselhafte, unberechenbare Lärm am meisten zu schaffen. Ihre Konzentrationsfähigkeit, ihre Fähigkeit, klar zu denken, lassen nach.

Im Verlauf einer Untersuchung der Engländer H. C. Weston und S. Adams in einer Textilfabrik wurden über ein Jahr lang die Leistungen von Webern gemessen: 10 Weber erhielten während der gesamten Versuchszeit einen Ohrenschutz, der den Fabriklärm von 96 dB auf etwa 85 bis 80 dB reduzierte. Der Vergleich mit 10 ungeschützt arbeitenden Webern ergab, daß die lärmgeschützten eine um 12 Prozent höhere Leistung erzielten.

Empfindsam getroffen von den Wirkungen des Lärms werden die Krankenhäuser. Die Tatsache, daß sich der Verkehrslärm in den Städten gegenüber der Vorkriegszeit heute fast verdoppelt hat, wiegt hier besonders schwer. Nach Aussagen von rund 2000 Krankenhaus-Chefärzten, die sich auf eine Umfrage des deutschen Arbeitsringes für Lärmbekämpfung äußerten, werden über 65 Prozent der deutschen Krankenanstalten „ganz erheblich“ von dem zunehmenden Lärm belästigt. Die Leidtragenden sind in erster Linie Herz- und Kreislaufkranke sowie frisch Operierte, die die Ruhe am nötigsten haben. In einigen Fällen klagen die Ärzte bereits darüber, daß es schwer fiele, Herz und Lunge der Patienten noch mit der erforderlichen Genauigkeit abzuhören.

Wären wir lärmenden Geräuschen nur vorübergehend ausgesetzt, hätten wir immer wieder Gelegenheit, uns in ruhiger Umgebung zu erholen, so wäre alles halb so schlimm. Aber wo gibt es in unseren großen Städten heute noch wirklich lärmfreie Häuser? Am ärgsten betroffen fühlen sich die Besitzer zahlreicher Neubau-Wohnungen. Die überwiegende Mehrzahl von ihnen beschwert sich über die Hellhörigkeit der Räume. Verantwortungsvolle Architekten prangern es daher an, daß die Bau-Akustik noch immer kein Pflichtfach für Architekturstudenten sei. Wer achtet beispielsweise schon darauf, daß immer eine von zwei gegenüberliegenden Wänden den Schall schlucken sollte? Wo die akustischen Gesetze beim Wohnungsbau mißachtet werden, da können Folterkammern des Lärms entstehen, in denen zu leben eine ständige Qual bedeutet.

Wo beginnt die Belästigung?

„Geräusche“ und „Lärm“ ist zweierlei. Lärm ist etwas, das uns belästigt, und das ist eine durchaus subjektive Sache. Einen Hafenarbeiter wird das Dröhnen eines Niethammers nicht weiter stören, den Büroangestellten dagegen macht es nervös. Allgemein gilt, daß selbsterzeugter Lärm weniger unangenehm empfunden wird als Lärm, den andere machen. Wir ärgern uns über den Nachbarn, der in der Wohnung nebenan eine geräuschvolle Feier veranstaltet. Feiern wir mit, so erscheint uns der Lärm ganz selbstverständlich. Ein anderes Beispiel: Der Fabrikdirektor, dem die Geräusche seiner Werksanlagen tagsüber wie Musik in den Ohren klingen, grollt frühmorgens den Kirchenglocken, die ihn aus dem Schlaf reißen. Bei der Frage, ob ein Geräusch lästiger Lärm ist oder nicht, sind also die Umstände wichtig, unter denen es gehört wird.

Wenn man nun den Lärm schon nicht abscharfen kann, so läßt sich doch vieles tun, um ihn zu dämpfen. Ungezählte Anregungen dazu werden immer wieder vorgebracht. Wie einfach wäre es, laute Maschinen oder Haushaltsgeräte mit rotierenden Teilen oder die Podeste von Barkapellen nicht direkt auf den Fußböden zu verankern, sondern sie durch Schaumgummi-, Gummi- oder Filzunterlagen zu isolieren. Die Eisenbahn könnte viel zur Lärmbekämpfung tun, wenn die Lok- und Waggonräder wirksamer entdröhnt würden, zum Beispiel durch Bespritzen mit Antidröhn-Mitteln, durch Aufpressen von Gummischeiben oder aufgeschraubte Gummikörper, sogenannte akustische Blutegel. Steile Hausdächer reflektieren den Flugzeuglärm in die Straßenzüge wie Spiegel das Sonnenlicht. An ihrer Stelle ließen sich schallschluckende Dächer konstruieren, oder man könnte die Dächer so flach bauen, daß der Schall nach oben zurückgeworfen wird.

Wenn gute Worte versagen ...

Baumaschinenlärm, der Lärm von Preßlufthämmern, Motorsägen und Rasenmähern ist nicht unvermeidlich, wenn man sich lärmarme Modelle oder schallschluckende Hilfseinrichtungen zulegt. Für Autos und Motorräder gibt es heute Schalldämpfer, die die Auspuffgase fast ganz auslöschen, wie der bewährte „Frankfurter Topf“. Offenbar erfordert es aber das Sozialprestige jugendlicher Mopedfahrer, daß sie mit ihren Maschinen krachend und knatternd durch die Straßen brausen. Wenn gute Worte versagen, so böte sich hier für die Polizei ein gewiß lobenswerteres Betätigungsfeld, als es das Aufschreiben von Parksündern darstellt. In Genf macht sich jeder unbeliebt, der allzu laut seine Wagentür zuschlägt. In Frankreich werden Autos beschlagnahmt, die wiederholt als zu laut auffallen. Wie wäre es, wenn so etwas auch bei uns üblich würde? In London, Paris und Berlin sind Gummi-, Kunststoff- oder Lederschutzringe an den Deckeln und Böden der Mülleimer selbstverständlich, anderswo läßt man sich lieber noch vom Lärm der Müllabfuhr wecken.

Ein schwerwiegendes Zukunftsproblem wird uns mit dem Lärm von Überschallflugzeugen erwachsen. In absehbarer Zeit werden die „Knallteppiche“ des transatlantischen Überschallverkehrs Mitteleuropa mit einem engen Streifenmuster überziehen und unser Leben in eine Lärmhölle verwandeln, wenn die Gefahr nicht durch geeignete Maßnahmen rechtzeitig abgewendet wird.

Wenn ein Flugzeug schneller als der Schall fliegt, erzeugt es Schockwellen, die hinter ihm herziehen wie das Kielwasser eines rasch abfahrenden Motorbootes. Diese Schockwellen erzeugen starke Luftdruckschwankungen. Sie sind es, die den Überschalldonner hervorrufen.

Der Überschalldonner überstreicht eine Zone, deren Ausdehnung von der Flughöhe der Maschine abhängt. Wenn das Flugzeug etwa fünfeinhalbtausend Meter hoch fliegt, ist der Knallteppich etwa 50 Kilometer breit. Auf 80 Kilometer Breite dehnt er sich aus, wenn die Maschine auf etwa 14 000 bis 15 000 Meter Höhe steigt. Je höher das Flugzeug, desto schwächer ist natürlich der Überschalldonner auf der Erde. Aber gänzlich vermeiden läßt er sich nicht.

Leo L. Beranek berichtet in „Scientific American“ über einen sechs Monate dauernden Test, den die amerikanische Regierung zum Studium des Überschalldonners im Gebiet von Oklahoma durchgeführt hat. Das Gebiet wurde insgesamt 1250mal tagsüber „bedonnert“. Eine anschließende Befragung der Bevölkerung ergab, daß die meisten Menschen innerhalb einer Zone von etwa 13 Kilometern Breite um die Mittellinie des Knallteppichs sich gestört fühlten. Ein Viertel von ihnen erklärte, achtmaliger Donner pro Tag überschreite das Maß dessen, was sie noch ertragen zu lernen glaubten. Mehr als vierzig Prozent der Befragten fürchtete um die Sicherheit der Häuser, obgleich keine Schäden an den Gebäuden festgestellt werden konnten.

Diese Ergebnisse sind nicht gerade alarmierend. Dennoch muß viel geschehen, um die Belästigung durch den Überschallverkehr so gering wie möglich zu halten. Zum Beispiel sollte man steilere Startwinkel anstreben oder generell leisere Maschinen konstruieren wie die fächerflügeligen „Whisperjets“ oder die geplante Boeing 747, die trotz fast dreifach größerer Leistung weniger Lärm als die bewährte Boeing 707 verursachen soll. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Start- und Landemanöver durch Hilfseinrichtungen geräuschärmer zu machen.

„Wir sind nicht gegen den technischen Fortschritt“, schloß Professor Lehmann einmal einen Vortrag, „wir wollen nicht eine Entwicklung zurückdrehen. Wir wollen auch nicht die Ruhe eines Friedhofes, aber wir sehen einen echten Fortschritt der Technik darin, wenn es ihr gelingt, das unendlich viel Gute und Nützliche, das sie für uns tut, nicht mit der Quälerei durch Lärm zu verbinden.“