München

Die Dame am Zeitungskiosk des großen Münchener Caféhauses verkauft ihn gerne, aber nur in braunes Packpapier eingeschlagen. Auch in christlichen oder juristischen Spezialbuchhandlungen ist er zu haben: unter dem Ladentisch. Man macht gute Geschäfte mit ihm, und nur der Staatsanwalt bekommt ihn umsonst, auf dem Wege der Beschlagnahme freilich. Denn was in Hamburg, Berlin und Frankfurt am Main, ja selbst in Würzburg und Münster anstandslos seinen Weg zum Kunden findet, firmiert in München, der „Weltstadt mit Herz“, als „das von schwülem, erotischem Kitsch triefende Magazin ‚Playboy‘“.

So jedenfalls will es der Münchner Amtsgerichtsrat Rudolf Sigel, der da meint, schon der Titel „Playboy“ beweise „die erotische Tendenz der Schrift“, und „erotisch“, soviel steht fest für Richter Sigel, ist identisch mit „unzüchtig“. Und ausgestattet mit dem „vernünftigen Maßstab, der sich aus dem geltenden Sittengesetz des hiesigen Kulturkreises ergibt“, hat sich Richter Sigel aufgemacht zu einem Kreuzzug gegen „Playboy“ und seine lockeren Brüder.

Handhabe bietet ihm nicht nur das Gesetz, vom Jugendschutz bis zu dem umstrittenen Paragraphen 184 StGB, sondern außerdem der Geschäftsverteilungsplan des Münchener Amtsgerichts, der den Richter mit einer Doppelfunktion ausstattet: im Geschäftsbereich 75, das sind alle Dinge der Sittlichkeit, vom Jugendschutz über die Alimente bis zur Ahndung strafbarer Andersartigkeit, waltet Richter Sigel nicht nur als Ermittlungsrichter, sondern auch als erkennende Instanz. Derselbe also, der Durchsuchungen und Beschlagnahme per Beschluß anordnet (etwa mit der Begründung, die inkriminierten „Playboy“-Hefte seien unzüchtigen Inhalts), derselbe muß den Fall in der Hauptverhandlung beurteilen.

„Die Malerei ist schon eine Kunst, aber bloß bis zum Nabel. Unterm Nabel ist es Sauerei, indem es dort geschlechtlich ist“, schreibt Ludwig Thomas politisierender Josef Filser. Amtsrichter Sigel indessen geht mit seinen sittlichen Maßstäben jeglicher Entblößung zu Leibe, auch oberhalb des Nabels, genauer: gerade dort. Dort, wo auf Leinwand und Papier jahrhundertelang der Busen frei sich zeigte, sieht Sigel die Quellen des Verfalls der abendländischen Kultur.

Seine Urteilsbegründungen lesen sich wie jene hektographierten Texte, wie sie Obersekundaner unter der Schulbank verstohlen weiterreichen, freilich dürrer in der Wortwahl, jedoch ausschweifend in der Phantasie. In dreißig Zeilen Urteilsbegründung bringt es Sigel bequem ein dutzendmal fertig, jene Körperpartie zwischen Nabel und Kinn blumig zu schildern, die es seinem heiligen Zorn angetan hat.

Selbst „normal empfindender Betrachter“, wie es die Rechtsprechung verlangt, lehnt der Richter die Zuziehung von Sachverständigen ab. Zweifel an seiner Unbefangenheit zumindest, was den Busen betrifft, begegnet er mit unerbittlicher Härte.