Wer hat Angst vor Hannes Meyer?
Wenn jemand in der Geschichte der modernen Architektur kramt, kann es geschehen, daß er auf Architekten stößt, die Meyer heißen. Zwei gibt es dort: Hannes und Adolf. Beide sind tot, hatten zu Lebzeiten mit Walter Gropius und dem Bauhaus zu tun, sind kaum bekannt und werden manchmal miteinander verwechselt, sogar in der Fachliteratur.
Benevolo zum Beispiel verwechselt sie, aber nicht nur miteinander, sondern auch mit einem dritten Meyer, Peter, einem Schweizer Architekturjournalisten, den man nicht unbedingt kennen muß. Argan schreibt Hannes Meyer falsch, mit ay. Giedion schreibt beide richtig, verwechselt sie auch nicht, aber erwähnt sie kaum.
Es liegt nahe, daraus zu schließen, daß beide in der njodernen Architektur keine bedeutende Rolle spielen. Das wäre jedoch ganz falsch. Bruno Taut, der ein gutes Urteil hatte, hielt Adolf Meyer am Ende der zwanziger Jahre für den besten Architekten Deutschlands. Adolf Meyer hat von 1911 bis 1923 — von den Faguswerken bis zum Jenaer Stadttheater — mit Walter Gropius zusammengearbeitet. In den zeitgenössischen Veröffentlichungen dieser Bauten werden Gropius und Meyer als Partner gleichberechtigt nebeneinander genannt. Moderne Autoren bezeichnen ihn gern als „Mitarbeiter" von Gropius, was heute eher ein Synonym für „Angestellter" ist, lassen ihn nur in Klammern auftauchen oder tauchen ihn ganz unter, wozu besonders Giedion neigt. Von 1919 bis 1925 war Adolf Meyer Lehrer am Bauhaus in Weimar. Er ertrank 1929 mit achtundvierzig Jahren in der Nordsee.
Der andere, Hannes Meyer, hat immerhin das berühmte Bauhaus länger als zwei Jahre geleitet. Sein Vorgänger, der es gründete, und sein Nachfolger, der es liquidierte, sind bekannte Leute. Wer aber kennt Hannes Meyer? Die Chronisten schreiben schnell über ihn hinweg: „Drei Jahre später mußte Gropius die Leitung der Schule aufgeben, die zunächst von Hannes Meyer, dann von Mies van der Rohe übernommen wird " Oder: „Im Jahre 1928, auf dem Höhepunkt des Erfolges, tritt Gropius die Leitung der Schule an den Schweizer Hannes Meyer ab Dann folgen viele Seiten, ohne daß Hannes Meyer erwähnt wird, bis es heißt: „Im Jahre 1930 übernimmt Mies als Nachfolger von Hannes Meyer die Leitung des Bauhauses in Dessau " So oder ähnlich geht es fast überall.
Zugleich fällt auf, daß die Autoren sich nicht darüber einig sind, warum Gropius damals das Bauhaus verließ. Es gibt Andeutungen in verschiedene Richtungen. Wieso „mußte" er gehen, als das Bauhaus „auf dem Höhepunkt des Erfolges" war? Giedion, von dem es heißt, er stehe Gropius nahe, schreibt: „1928 verließ Walter Gropius das Bauhaus aus mancherlei Gründen. Der tägliche Abwehrkampf hatte seine Kräfte gefesselt, außerdem meinte er, daß es seine Person war, die die Gegner am stärksten reizte " Sicher ist, daß Hannes Meyer auf ausdrücklichen Wunsch von Gropius zu seinem Nachfolger gemacht wurde.
Eine löbliche Ausnahme ist Joedicke. Er hat als einziger bisher Hannes Meyer, zwar nicht als Bauhausdirektor, aber als Architekten gewürdigt. In seiner „Geschichte der modernen Architektur" behandelt er die von Hannes Meyer gebaute Schule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau bei Berlin. Diese 1928 entworfene und bis 1930 gebaute Schule war ein Wettbewerbserfolg. Den Plänen und Photos ist anzusehen, daß der Entwurf aus einer genauen Analyse und vollkommenen Beherrschung des Raumprogramms hervorging — ein sachlicher, vernünftiger, dabei lockerer und undogmatischer Bau. Die einzelnen, voneinander abgesetzten und im Erdgeschoß verbundenen Gebäudeteile, Wohnpavillons der Schüler, Lehrerwohnungen, Gemeinschafts- und Unterrichtsräume gruppieren sich, dem Gelände folgend, an einem kleinen See. Das Ganze wirkt, als sei es heute gebaut.
Das Gebäude ist nicht vorgefaßte Form — wie der Y förmige Baukörper, den Max Taut für denselben Wettbewerb lieferte — sondern das zunächst, bei Beginn der Arbeit, nicht vorhersehbare Endergebnis eines Entwurfsprozesses, die unvoreingenommene Lösung einer sorgfältig analysierten Aufgabe. Das war ja in der Zeit, die sich etwas auf ihre „Neue Sachlichkeit" zugute hielt, durchaus nicht selbstverständlich. Selbst ein so gutes Gebäude wie das Bauhaus Dessau von Gropius, wenige Jahre früher entstanden, wirkt gegen Hannes Meyers Schule verkrampft, vom „De Stijl" Willen geplagt. Außer bei Joedicke und außer einigen Texten von Hannes Meyer im Bauhausbuch von Wingler und in den Bauwelt Fundamenten Band l und 14 war bisher über Hannes Meyer kaum etwas zu erfahren. Man wußte, daß er sich am Wettbewerb um den Völkerbundspalast beteiligt und dabei einen Preis gewonnen hatte und daß- er Kommunist gewesen sein soll, aber nähere Einzelheiten fehlten. Das Schweigen, wenn der Name Hannes Meyer fiel, war auffällig. Je länger es dauerte, desto peinlicher wurde es. Jetzt ist endlich eine Biographie erschienen — die einen Überblick über Hannes Meyers Leben und Werk ermöglicht.
- Datum 24.02.1967 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 24.2.1967 Nr. 08
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