Von Marcel Reich-Ranicki

Die Amerikanerin Mary McCarthy scheint mir unter den weltberühmten Schriftstellern dieser Zeit die mittelmäßigste zu sein. Doch unter den mittelmäßigen ist sie wohl die intelligenteste. Ihrer Prosa läßt sich nichts Außergewöhnliches nachsagen. Doch der außergewöhnliche Erfolg, der ihr überall zuteil wird, hat seine guten Gründe.

Da die ebenso gewandte wie zielstrebige Autorin ihr Ansehen zunächst essayistischen Arbeiten, Kritiken zumal, verdankte, ist auch ihr der in solchen Fällen übliche Vorwurf nicht erspart geblieben: im Grunde hätten ihre Romane und Geschichten – hieß es schon oft – einzig den Charakter von Belegen für literarische Theorien. Dies leuchtet in der Tat ein. Nur daß es nicht zutrifft.

Zugegeben: Der exakt und – wie manche behaupten – fast unerbittlich arbeitende Intellekt der Frau McCarthy vermag uns in der Regel mehr zu beeindrucken als ihr künstlerisches Talent. Und wer auf Theoretisches über den Roman erpicht ist, wird in den Schriften dieser hochgebildeten Dame Lesbares, ja sogar Bedenkenswertes finden können: Ihre Beschlagenheit, die freilich von ihrer ostentativen Selbstsicherheit noch übertroffen wird, läßt nichts zu wünschen übrig. Natürlich weiß sie Bescheid und kennt die Wege, Irrwege und Sackgassen der modernen Literatur, die fundamentalen Schwierigkeiten sind ihr ebenso geläufig wie die Kunstgriffe und Schliche der Praktiker.

Aber die erzählende Prosa der Mary McCarthy hat mit ihren theoretischen Darlegungen erstaunlich wenig gemein: Sie, die sich – nicht ganz zu Unrecht – des Rufes einer entschiedenen Ironikerin erfreut, behandelt in ihren Romanen zwar alle und alles ironisch, doch niemals die Romanform selber. Nichts ist offenbar imstande, das Vertrauen dieser Autorin zur traditionellen Epik zu erschüttern.

So kühn sich Mary McCarthy auch gibt, und so raffiniert sie mitunter auch scheinen mag, so gern verläßt sie sich auf die ehrwürdigen, wenn nicht biederen Ausdrucksmittel des vergangenen Jahrhunderts. Mit zügigem und energischem Schritt begeht sie ausgetretene und überaus bequeme Pfade.

Hinter dem Eifer einer temperamentvollen Intellektuellen, die keinerlei Zimperlichkeit kennt, hinter dem forschen und streitbaren Ton einer Frauenrechtlerin mit zeitgemäßem Habitus verbirgt sich, genau betrachtet, eine gemütliche Erzählerin alten Stils. Die Leser, die schließlich Hartes gewöhnt sind, können aufatmen: Sie macht ihnen das Leben leicht.

Überdies bereitet uns Mary McCarthy in ihren Romanen insofern ein ganz besonderes Vergnügen, als sie uns zu dem beruhigenden und so angenehmen Gefühl verhilft, restlos alles, was sie uns sagen wollte, auch tatsächlich verstanden zu haben. Ihr gelingt es, uns eine (in gewissen Grenzen) par excellence intellektuelle Prosa zu bieten, ohne uns je intellektuelle Anstrengungen zuzumuten.

Neben amüsant, ja fast glanzvoll geschriebenen Episoden stehen in ihren Romanen auch dürftige und ermüdende Kapitel – aber die einen wie die anderen verraten eine erfahrene Pädagogin, die den Klassenletzten nicht vergißt und andererseits dafür zu sorgen weiß, daß die aufgeweckten Schüler das Interesse am Gegenstand nicht einbüßen.

Alles wird hier ausführlich geschildert und mit vorbildlicher Geduld erklärt: Die Epik der Mary McCarthy zeichnet sich durch eine Gründlichkeit aus, die an deutsche Waschanleitungen erinnert, ohne indes je schwerfällig zu werden. Diese freundliche Akribie kommt übrigens dem Leser insofern entgegen, als er wenig riskiert, wenn er hier und da einige Seiten überschlägt: Er verliert nicht den Anschluß, denn was ihm entgangen ist, wird er bestimmt noch einmal finden. Es gibt wenige Bücher, die für die Lektüre in öffentlichen Verkehrsmitteln besser geeignet wären.

Wer allerdings auf die Ökonomie des Romans Wert legt und also meint, daß auch in dieser Kunstform – der freiesten zwar und daher zähesten – zwischen dem Aufwand an Worten und, ganz allgemein gesagt, dem Ergebnis eine gewisse Proportion gewahrt bleiben müsse, der wird versucht sein, gegen die distanzierte Beredsamkeit der Mary McCarthy, die sich gelegentlich einer kühlen Geschwätzigkeit nähert, zu protestieren.

Sobald man aber die Eigenart dieser amerikanischen Erzählerin akzeptiert hat, kann man, glaube ich, nicht umhin, auch ihre Meisterschaft anzuerkennen: Ihre nicht alltägliche Beobachtungsgabe, den Scharfsinn ihrer psychologischen Analysen, ihren sicheren Blick für aufschlußreiche gesellschaftliche Zustände und, nicht zuletzt, die ansehnliche Intelligenz ihrer Dialoge und Reflexionen.

Aber Mary McCarthy ist – und das scheint ihren Erfolg keineswegs beeinträchtigt, sondern eher begünstigt zu haben – eine typische Frauenschriftstellerin, die freilich besonders gern von Herren gelesen wird: Nur dann entfalten sich die Fähigkeiten dieser Autorin, wenn sie über Erlebnisse von weiblichen Figuren erzählt. Oder noch genauer: Wenn sie Situationen und Konflikte vergegenwärtigt, in die – schon aus biologischen Gründen – lediglich Frauen geraten können. Da sie sich jedoch keineswegs auf weibliche Gestalten beschränkt, führt dies häufig zu jenen verblüffenden Qualitätsschwankungen innerhalb ihres Werks, mit denen sich sogar die freundlichsten Leser der „Clique“ nicht abfinden wollten.

Das gilt ebenfalls für das erhebliche früher, doch bei uns erst jetzt erschienene Buch –

Mary McCarthy: „Der Zauberkreis“ (Originaltitel „A Charmed Life“), Roman, aus dem Amerikanischen von Maria Carlsson; Verlag Droemer Knaur, München/Zürich; 352 S., 19,80 DM.

Liebe und Sex, Ehe und Scheidung, Empfängnisverhütung, Schwangerschaft und Abtreibung, die Jungfräulichkeit und die Impotenz, die Frau und die gesellschaftlichen Konventionen – das sind die Motive des Romans, der zwar aus dem Jahre 1955 stammt, aber schon heute ein wenig antiquiert anmutet.

Natürlich liegt das nicht an den Motiven, sondern an ihrer Behandlung. In einer Zeit, in der jedermann über die Pille spricht und sich auch der Vatikan mit der Geburtenregelung befaßt, haftet dem aufklärerischen Eifer der Mary McCarthy eine leise, doch unüberhörbare Komik an: Hier wird mit resoluter Geste auf Fragen und Mißstände hingewiesen, deren Existenz und Dringlichkeit heutzutage niemand mehr bestreitet.

Dies fällt um so mehr auf, als den Figuren ein einigermaßen überzeugender Hintergrund fehlt:.Das Ganze spielt sich in einem winzigen Ferienort in Neu-England ab, doch ist diese Ortschaft mit ihrem teils prosaischen, teils makabren Alltag und dem obligaten Kleinstadt-Klatsch zu flüchtig angedeutet und wirkt zu blaß, um auch nur als Folie dienen zu können,

Dort also versammelt Mary McCarthy eine Anzahl von Künstlern und Intellektuellen, die sie weniger agieren als vor allem diskutieren läßt. Verkrachte Existenzen, sonderbare Käuze, liebenswürdige Bohemiens, ehrgeizige Scharlatane, stille Talente und natürlich die dazu gehörigen Damen – es sind alles unsere alten Bekannten. Denn sie haben schon zahllose Romane und Novellen des neunzehnten Jahrhunderts bevölkert: von Balzac bis Maupassant, von Dickens bis Tschechow.

Um diese Figuren, die mit den Mitteln des herkömmlichen realistischen Romans gezeichnet sind, wenn nicht unverwechselbar, so doch jedenfalls erkennbar zu machen, versucht Mary McCarthy, sich mit einer Methode zu behelfen, die leider auch in der deutschen Gegenwartsprosa sehr beliebt ist und nie zu guten Ergebnissen führen kann: Die Menschen werden unaufhörlich – ich bitte, mir ein solches Verbum zu genehmigen – skurrilisiert.

Indes zeigt es sich wieder einmal, daß die verschwenderisch mit allerlei Eigenheiten und Extravaganzen ausgestatteten Romangestalten der scheinbaren Logik zum Trotz gerade des Individuellen entbehren: Wer auf diese Weise Originalität anstrebt, landet auf Umwegen dort, wo er um keinen Preis sein wollte – beim handlichen Klischee.

Dennoch zögere ich nicht, den „Zauberkreis“, den man schon in einigen bundesrepublikanischen Zeitungen barsch abgelehnt hat – ich glaube, daß die Lektüre zeitgenössischer deutscher Prosa die betreffenden Rezensenten der Mary McCarthy erheblich milder stimmen würde –, zu verteidigen und vor allem jenen Lesern zu empfehlen, die sich aus diesem oder jenem Grunde für die weibliche Psyche interessieren.

In der wohl besten Szene des „Zauberkreises“ unterhalten sich die Romanhelden über ein Drama von Racine. Er sei – heißt es – „ein Mikroskopist“, „eine Zeitlupenkamera, die geeicht ist auf Leidenschaften“, „ein wissenschaftlicher Beobachter menschlichen Verhaltens“, der sich einzelne Handlungen herausgreife und sie dann vergrößere – „ungefähr so, als ob man eine Pflanze und die Organe eines Tieres untersucht“.

Man mag sich darüber wundern, warum gerade Racine als Kronzeuge angeführt wird, aber sicher scheint mir, daß Mary McCarthy hier eine Schreibweise andeutet, die ihr damals als Ziel vorgeschwebt hat und die sie immerhin in einigen Szenen zu verwirklichen vermochte. Ausschließlich solche sind es, in denen Martha Sinnott auftritt, jene Figur, die zumindest Teile des Romans durchaus lesenswert macht.

Es handelt sich um eine dreiunddreißigjährige, weder wortkarge noch unintelligente Dame, die einst Schauspielerin war, sich jetzt als Übersetzerin betätigt und ein Theaterstück schreibt. Wir lesen, daß sie schon im College „die andern Schüler immer in den Schatten stellte“ und „alle an die Wand dachte“, ihr wird der „Hang zu Selbstkritik“ und die Suche nach „einem Sinn in allem“ nachgesagt und noch vieles mehr – welche Direktcharakteristiken leicht zu vermissen wären, weil sie nur mitteilen, was ohnehin im Roman sichtbar wird.

Diese Martha war einige Jahre mit einem Schriftsteller verheiratet, dem sie nicht ohne Grund weggelaufen ist – daß die „zweckbewußte junge Frau“ dabei nur ein Nachthemd getragen hat, mag übrigens zu jenen Zugeständnissen gehören, die unsere sonst auf Grundsätze erpichte Autorin dem Geschmack amerikanischer Leser zu machen pflegt.

Nun ist Martha abermals verheiratet, doch in jenem Ferienort trifft sie den früheren Mann. Was sich rasch ergibt, braucht hier nicht erzählt zu werden. Genug, daß Mary McCarthy in der psychologischen Analyse der zwischen zwei Männern stehenden Frau mit einer Fülle von Details aufwarten kann und Einblicke ermöglicht, die uns von den Romanciers weiblichen Geschlechts allzu selten gewährt werden.

Über die tiefere Bedeutung des „Zauberkreises“ hat uns die Verfasserin in einem längeren Interview belehrt, das sich im zweiten Band des bekannten Sammelwerks „Wie sie schreiben“ (deutsch 1965 bei Sigbert Mohn) findet. Ohne ihren beredten Selbstkommentar würde der unbefangene Leser, der sich gern in Romane über Ehe, Liebe und Ehebruch vertieft und mit Interesse die Erlebnisse und Konflikte der sympathischen Martha verfolgt, gar nicht merken, daß wir es hier, mit einer „symbolträchtigen Erzählung“ zu tun haben, daß alle Figuren „verschiedene Spielarten des Zweifels“ personifizieren und daß die Heldin erst während der Schwangerschaft „ein sterbliches Wesen“ wird, wogegen alle anderen Romanpersonen unsterblich sind.

In Wirklichkeit handelt es sich, was immer Mary McCarthy beabsichtigt hat oder der Presse einreden möchte, um eine Epik, die eben ohne doppelten Boden auskommen muß. Sachlich, genau und vorurteilsfrei registriert und beschreibt sie, was man registrieren und beschreiben kann. Daß auch sie dem Unbeschreiblichen nicht gewachsen ist, wäre natürlich kein Vorwurf. Daß sie es aber nicht einmal ahnen läßt, zeigt die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Das hat zur Folge, daß diese Prosa oft zu interessieren und nie zu erschüttern oder zu ergreifen vermag.

Mit ihrem unbekümmerten und kräftigen Positivismus macht Mary McCarthy die Welt so verständlich und durchschaubar – wie sie es leider nicht ist. Sie reduziert das Leben zu einer übersichtlichen Gleichung, an deren Lösbarkeit wir glauben sollen. Doch es gibt Phänomene, denen nur das Gleichnis beikommen kann.

Gleichung und Gleichnis – vielleicht ließe sich mit diesen Stichworten der Unterschied andeuten zwischen dem literarischen Kunstgewerbe und der Kunst in der Literatur.