Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften in Wien

Von Heinz Maegerlein

An den ersten drei Tagen der Eiskunstlauf-Weltmeisterschaften gab es nur ein Gesprächsthema: das Wetter und die Wahl der Freiluftbahn als Austragungsstätte aller Kürläufe dieser Weltmeisterschaften. Welche Zumutung für die Teilnehmer, bei Sturmwehen bis zu 80 Stundenkilometern und strömendem Regen laufen und dabei Zeugnis über die mühselige Arbeit eines ganzen Jahres ablegen zu müssen! Welche Mißachtung sportlicher Fairneß, da man dabei doch ganz offensichtlich Gefahr lief, daß der eine in relativ ruhigen Augenblicken seine Kür darbieten konnte, der andere aber sich wenig vorher oder nachher völlig durchnäßt und vom Sturm mehrfach aus der Bahn geworfen über Zentimetertiefe Wasserlachen bis zum bitteren Ende durchkämpfen mußte. Halb- oder gar dreiviertelleere Ränge, unlustig, fröstelnde und tropfnasse, meist abenteuerlich vermummte Zuschauer, die sich selbst bei großen Leistungen an den ersten vom schlechten Wetter besonders heimgesuchten Abenden verständlicherweise nur selten zu einer Beifallsäußerung aufraffen konnten, die mehr ausdrückte als nur Mitleid mit den armen Teilnehmern in ihren in diesen Stunden völlig unangebrachten und deshalb tatsächlich deplaciert wirkenden luftigen Eislaufkleidchen und Smokinganzügen. Gefährlich anzuschauende, durch den Sturm meterweit hin und her schaukelnde Scheinwerfer über der Eisfläche, aufwirbelnde Programme und Zeitungen, das überall offen daliegende Eingeweide der provisorischen Tribünen, das Stahlrohrgerüst – es hat rein äußerlich seit vielen Jahren keine Weltmeisterschaft im Eiskunstlauf mit ähnlich trister Kulisse wie hier auf dem zweifellos traditionsreichsten Eislaufplatz der Welt gegeben.

Abends Sturm und Regen

Schon tagsüber, wenn man der Pflicht in der zwar nüchternen, aber durchaus gut geeigneten Halle auf dem Gelände der früheren Gartenbauausstellung zuschaute, dachte man als Zuschauer schaudernd an den Abend, für die Teilnehmer selber aber waren Sturm und Regen zu Alpträumen geworden, die sie in diesen Wiener Weltmeisterschaftstagen kaum je verließen.

Vor einem Jahr in Davos hatte es zwei Höhepunkte gegeben: den großen Zweikampf der sowjetischen Paare Belousova/Protopopov und Shuk/Gorelik und die fast durchweg mitreißende Kür der Damen. Die Herren waren hinter diesen beiden Konkurrenzen klar zurückgeblieben. Diesmal hingegen brachte der Abend der Herren-Kür die große Stunde dieser Meisterschaft. Es lag dies sicherlich auch an der von der österreichischen Mentalität her verständlichen Tatsache, daß nur hier, wo der Titel einem Österreicher winkte und wo auch der Kampf um ihn, wie sich bereits in der Pflicht herausgestellt hatte, allein zwischen zwei Wienern ausgetragen wurde, die Tribünen bis auf den letzten Platz gefüllt waren und daß sich ausschließlich an diesem Abend das Fluidum eines großen Sportereignisses über der unschönen Austragungsstätte ausbreitete. Aber es trug freilich dazu auch bei, daß die Entscheidung im Paarlauf unter der Witterung und unter der schwachen Leistung der Protopopovs litt und daß die Kür der Damen von einer in diesem Ausmaß kaum noch begreifbaren Nervosität geprägt war.

Im Paarlauf hatten freilich schon die Europameisterschaften in Ljubljana, dem früheren Laibach, Anfang Februar die Grenzen des sowjetischen Paares gezeigt. Damals hatten es die Russen nur der zarten Ludmilla und der wohl übermächtigen Erinnerung der Preisrichter an einstige Sternstunden des Paares zu verdanken gehabt, daß ihnen der Titel einmal mehr zugesprochen worden war. Zwei grobe Fehler von Oleg in der Kür, wobei er sich nach einem schweren Sturz nahezu eine Minute lang vergeblich mühte, den Rhythmus wiederzufinden, hatten nur deshalb keine noch schlimmeren Folgen gehabt, weil Ludmilla das Programm traumhaft sicher weiterlief, so als wenn dem Partner an ihrer Seite überhaupt nichts geschehen wäre, und ihm dadurch die Möglichkeit gab, sich endlich doch wieder zu fangen. Wir hatten damals vermutet, daß man daraufhin die Zweiten der Weltmeisterschaft von 1966, Tatjana Shuk und Alexander Gorelik, doch nach Wien entsenden würde. Sie waren auch da – aber als Touristen, wie sie mit etwas gequältem Lächeln viele hundert Male auf die verständlichen Fragen sagten. Auf das „Warum?“ kam keine Antwort. Von einer Verletzung war keine Rede, im Gegenteil, sie baten, zur kommenden großen Schaulauftournee durch halb Europa eingeladen zu werden!