Zur besonderen Verwendung

Egon Bahr – der Mann neben Außenminister Brandt

Von Theo Sommer

Das Zimmer 341 des Auswärtigen Amtes liegt nicht im Ministerbau, sondern in der riesigen Kanzleiwabe jenseits der Auffahrt, und wenn Egon Bahr zum Chef will, muß er ein ganzes Ende laufen – über jene verglaste Brücke, die der Amtswitz „höhere Diplomatenlaufbahn“ getauft hat. Auch mit dem Titel hapert es noch. Nur voreilige Spiegel-Leser nennen ihn schon „Herr Botschafter“; in Wahrheit läßt die Ernennungsurkunde (zum dritten Botschafter z.b.V. des auswärtigen Dienstes) auf sich warten. Freilich wäre es ein Irrtum, wollte man Stellung und Gewicht Bahrs an seinem Dienstzimmer oder an seinem Dienstrang ablesen. Es gibt viele, die Willy Brandt näher sitzen, aber kaum einen, der ihm näher steht als sein früherer Pressechef.

In Berlin hatte Bahr dem Regierenden Bürgermeister sechs Jahre lang in einer Doppelrolle gedient, die sich am einfachsten durch einen Vergleich mit dem Weißen Haus der Kennedy-Zeit verdeutlichen läßt: Er war Pierre Salinger und Ted Sorensen in einem – der offizielle Sprecher und der intime Berater, Mundstück und zugleich intellektuelles alter ego. In Bonn fällt jetzt die erste Funktion fort; nur noch die zweite bleibt übrig. Unbelastet von den operativen Geschäften des Amtes soll sich Egon Bahr den Kopf freihalten zum Nachdenken über die jeweiligen Schwerpunkte der deutschen Außenpolitik, nicht in Konkurrenz mit dem Planungsstab, aber zu dessen Ergänzung. In den letzten Wochen hat er sich fast ausschließlich mit dem Atomsperrvertrag beschäftigt, aber es wäre höchst verwunderlich, wenn er nicht sehr bald auf ein Feld zurückkehrte, auf dem er sich als gedanklicher Neuerer längst einen Namen gemacht hat: auf das Feld der Bonner Deutschlandpolitik.

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Es war Bahr, der am 15. Juli 1963 vor der Evangelischen Akademie Tutzing jenen Vortrag hielt, der die Deutschland-Diskussion in der Bundesrepublik auf neue Bahnen zwang – und seinem Urheber seitdem manche bittere Anfeindung eingetragen hat. Man hatte ihn damals – Brandt war der Hauptredner – bloß um einen Diskussionsbeitrag gebeten. Drei Tage vorher wußte er noch nicht, was er sagen sollte. Dann kam ihm plötzlich der erleuchtende Einfall: zu versuchen, fünf Wochen nach Kennedys berühmter Rede an der American Universityderen Grundgedanken auf die deutsche Situation anzuwenden. In Tutzing hörte sich das so an:

„Die amerikanische Strategie des Friedens läßt sich auch durch die Formel definieren, daß die kommunistische Herrschaft nicht beseitigt, sondern verändert werden soll.“

„Die erste Folge, die sich aus der Übertragung der Strategie des Friedens auf Deutschland ergibt, ist, daß die Politik des Alles oder Nichts ausscheidet.“

„Heute ist klar, daß die Wiedervereinigung nicht ein einmaliger Akt ist..., sondern ein Prozeß mit vielen Schritten und vielen Stationen.“

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