Von Karl Erich Born

Im ersten Teil des Vorabdrucks des demnächst im Piper-Verlag erscheinenden Buches „Die deutsche Bankenkrise 1931“ schilderte der Autor Karl Erich Born die Auswirkungen der Zahlungsunfähigkeit namhafter Banken auf den Staatshaushalt. Die Ursache der Krise waren hohe kurzfristige Auslandsverschuldungen und der Mangel an Eigenkapital der deutschen Banken.

Der Beginn der Weltwirtschaftskrise wird gewöhnlich auf den „Schwarzen Freitag“, den 25. Oktober 1929, datiert, an dem die Wertpapierkurse an der New Yorker Börse zusammenbrachen. Dieser rapide Kurssturz war jedoch nur das erste manifeste und alarmierende Symptom gewesen. Die Ursachen der großen Krise reichten bis zum Ersten Weltkrieg zurück. Dieser Krieg hatte das Gleichgewicht der Weltwirtschaft gestört. Die Vereinigten Staaten, vor 1914 ein Schuldnerland, waren zum großen Gläubigerland geworden. Alle Staaten, die am Kriege teilgenommen hatten, Sieger und Besiegte, waren Schuldner Amerikas geworden. Diese Situation wurde noch dadurch verschärft, daß die Amerikaner 1921, als der Republikaner Harding Präsident wurde, die hohen Schutzzölle wiederherstellten, die Wilson erst 1913 abgebaut hatte. Die amerikanischen Schutzzölle hatten als Erziehungszölle so lange vertreten werden können, als Amerika selbst noch ein Schuldnerland und seine Industrie noch im Aufbau begriffen war. Jetzt, da die Vereinigten Staaten der größte industrielle Produzent und das erste Gläubigerland der Welt waren, hatten die hohen Schutzzölle keinen Sinn mehr und hinderten überdies die Schuldnerländer daran, ihre Schulden durch Exporte nach Nordamerika abzuzahlen.

Nach dem Kriege hatten in den europäischen Ländern Inflationen und Währungsschnitte das Vertrauen in langfristige Kapitalanlagen zerstört. Infolgedessen war das Angebot auf dem Kapitalmarkt zu gering, während der internationale Geldmarkt überalimentiert war. Dieses Mißverhältnis zwischen Kapitalmarkt und Geldmarkt führte wiederum dazu, daß die Wirtschaft ihre Investitionen fehlfinanzierte: mit kurzfristigen Geldmarktkrediten statt mit langfristigen Kapitalmarktkrediten.

Überschätzung der Nachfrage

Trotz der tiefgreifenden, strukturverändernden Störungen erlebte die Weltwirtschaft in der zweiten Hälfte der 20er Jahre einen kräftigen konjunkturellen Aufschwung. Er wurde durch den Nachhol- und Umstellungsbedarf der Nachkriegszeit und durch die wirtschaftliche Auswertung technischer Fortschritte (Automobil- und Flugzeugbau, Radio, Film, Kunstseide) belebt. Dieser Aufschwung verführte jedoch gerade in den jungen Industrien zu einer spekulativen Überschätzung der Aufnahmefähigkeit des Marktes. Dabei wurden die Produktionskapazitäten in übertriebenem Maße erweitert, und in manchen Wirtschaftszweigen überstieg die Produktion die Nachfrage. Die Überschätzung der Nachfrage wiederum löste, besonders in den Vereinigten Staaten, eine wilde Börsenspekulation aus, bei der die Aktienkurse in eine Höhe getrieben wurden, die den tatsächlichen Wert bei weitem überstieg. Der Dividendengewinn stand in keinem Verhältnis zum Kaufpreis der Aktien, aber man kaufte sie ja auch nicht, um Dividenden zu erzielen, sondern um sie bei weiterem Steigen der Kurse mit Gewinn weiterzuverkaufen. In vielen Fällen wurden die Aktien mit Hilfe von Krediten gekauft, die durch den Kurswert der Aktien und durch den zu erwartenden Kursgewinn reichlich gedeckt schienen.

Auch an den deutschen Börsen gab es in großer Zahl spekulative Effektenkäufe mit Hilfe von Bankkrediten. Hier wurde die Spekulation 1927 durch das Eingreifen des Reichsbankpräsidenten Schacht gebremst. Auf Schachts Veranlassung kürzten die deutschen Banken im Mai 1927 recht drastisch die Kredite an ihre Effektenkundschaft. Der Durchschnittskurs an der Berliner Börse stürzte daraufhin am 13. Mai 1927 – dem deutschen „Schwarzen Freitag“ – von 204 auf 139. Bis 1928 stiegen die deutschen Effektenkurse aber noch einmal, auf einen durchschnittlichen Höchststand von 170.