Kampf um die Konfessionsschule
Im Januar dieses Jahres erschien die Broschüre mit dem Titel: „Für den Fortschritt — Gegen Bekenntnisschule?" Der Verfasser ist unbekannt. Das erzbischöfliche Generalvikariat Paderborn hat die Schrift herausgegeben, Erzbischof Lorenz Kardinal Jäger hat das Vorwort unterschrieben und der Schrift guten Erfolg gewünscht.
Der Kardinal, das Generalvikariat und der Autor wollen mit dieser Schrift für die Bekenntnisschule werben, die sie im Seelsorgsbereich von Paderborn bedroht sehen. Das Recht und die Pflicht, seelsorgliche Aufgaben mit Werbeschriften zu unterstützen, sei unbestritten. Doch von einer Autorität wie Kardinal Jäger und von einem Generalvikariat könnte man erwarten, daß Form und Inhalt dem entsprechen, wofür sie werben möchten.
Zunächst hat der anonyme Autor der Broschüre seinen Erzbischof zu einem Vorwort veranlaßt, das eine Zumutung für den Würdenträger ist. Es läßt nämlich die Absicht der Schrift zwiespältig erscheinen. Dem Zweifler an der Qualität der Bekenntnisschule soll das Heft als „Arbeitsgrundlage" dienen. Den getreuen Befolgern amtlicher Richtlinien wird die gleiche Broschüre als „klares und offenes Wort" in „deutlicher Sprache" feilgeboten. Eine unterschiedliche Verwendung kirchenamtlicher Texte war nach dem Konzil nicht mehr üblich. Hier taucht sie wieder auf, mit einem Segen des Kardinals. Satztechnisch verfährt der Urheber des Textes im Stil ideologischer und geschäftseifriger Werbetexter. Spruch und Widerspruch verbergen noch nicht einmal mehr im Druckbild die massive Schwarzweißmalerei. Von Seite 3 bis zum Schluß wirken die in Fettdruck hervorgehobenen Textstellen wie Nackenschläge.
Von den nachkonziliaren kirchlichen Verlautbarungen ist man diese Simplifizierung nicht mehr gewohnt. Innerhalb mehrerer Arbeitsgänge wird das Bild des imaginären Feindes bedrohlich ausgemalt. Der Titel „Für den Fortschritt — Gegen Bekenntnisschule?" verleitet zur Vermutung, daß unter diesem Schlage ort eine Schlachtreihe von Kirchenfeinden sich versammelt hätte, eine Geheimarmee, die zum Kampf gegen Eltern und Freiheit bereitsteht. Nach der Darstellung des anonymen Autors hat zuerst die Presse den Schlachtruf propagiert. Namen werden nicht genannt. Es heißt lediglich: „In den letzten Jahren hat in großen Teilen der Presse, in Rundfunk und Fernsehen geradezu ein Kesseltreiben gegen die Bekenntnisschule eingesetzt. Dabei wurde immer wieder betont, daß man für den Fortschritt spreche. Was aber ist Fortschritt auf diesem Gebiet? Es gab keine Bekenntnisschule im Dritten Reich, es gibt keine Bekenntnisschule in der sogenannten Deutschen Demokratischen Republik. Es ist vielmehr ein Kennzeichen derartiger Systeme, nur eine einzige Schulart vorzuschreiben " Diese ungeheuerliche Vereinfachung ist bereits eine Zumutung für den Auftraggeber, bevor die Taktik solcher oberflächlichen Propaganda für die Leser, beleidigend wird. Eltern und Lehrer sollen nicht nur glauben, die Massenmedien hätten sich dazu hergegeben, nazistische oder kommunistische Zustände herbeizuführen, sie sollen auch noch glauben, wo keine Bekenntnisschule sei, gebe es kein freiheitliches und demokratisches Staatswesen.
Von Seite 3 bis Seite 8 der Broschüre werden elfmal „viele Gegner" beschworen, die gefährlich und dumm zugleich sind. Eltern und Lehrern wird das Fürchten beigebracht. Der Autor weiß, ein undurchsichtiger Feind macht mehr bange als eine überschaubare Front.
Erst von Seite 8 an wird der Leser gewahr, wer gegen und wer für die Bekenntnisschule ist. Man sieht förmlich die Kompanien der Widersacher vor sich, die der Autor aufzählt: 1 die Liberalen, die in der Humanistischen Union untergetaucht sind; 2 die verbissenen Gewerkschaftler, die sich mit dem Godesberger Programm nicht ausgesöhnt haben; 3 die NPD, Nachfolger der NSDAP; 4. Teile der evangelischen Kirche, „die fürchten, daß Glaube manipuliert werden könnte"; 5 eine Reihe von Katholiken, die das Konzil mißverstanden haben. Gibt es wirklich dieses Söldnerheer, in dem bekennende evangelische Christen neben Neonazis einträchtig gegen die katholische Kirche kämpfen? Der Autor der Broschüre hat damit Kardinal Jäger, der gerade wegen seiner Verdienste um die Ökumene bekannt ist, verdächtigt, er sei der Ansicht, im Kampf gegen die Bekenntnisschule seien NPD Anhänger und evangelische Christen sich einig.
Wie wohlgeordnet mutet dagegen die Schar der Befürworter der Bekenntnisschule an: das Konzil, die deutschen Bischöfe und 93 5 % der katholischen Eltern (der Prozentsatz wurde auf phantastische Weise errechnet).
- Datum 07.04.1967 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 7.4.1967 Nr. 14
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