Mit zu leichter Hand
Auf dem Klappentext wird der Autor, dem das Wort „berühmt" beigegeben wird, vom Verlag als Verfasser von Büchern, als Kritiker des Figaro, als Präsident der Internationalen Organisation der Kunstkritiker und als Präsident der Biennale in Paris vorgestellt. Sollte damit dem Leser Respekt eingeflößt werden, so ist das vorliegende Buch selber — Raymond Cogniat: „Aquarelle und Zeichnungen — XX. Jahrhundert"; Südwest Verlag, München; 228 S, 198 Abb, 39 80 DM — geeignet, ihn gründlich wieder abzubauen. Das Thema hat in der Welt der Kunst längst von vornherein Aussicht auf Sympathie. Aquarell und Zeichnung, manuell gewöhnlich leichter herzustellen als zum Beispiel Ölgemälde, Fresco oder Sgraffito, sind fähig, das Schnelle, Momentane, die Inspiration und Impression, das Unreflektierte und Persönliche wiederzugeben. Die Zeichnung ist nicht nur dort interessant, wo sie als autonome Kunstform aufgefaßt und praktiziert wird. Sie ist unter anderem auch fesselnd geblieben, wo sie die Autonomie gar nicht anstrebt (obwohl oft leistet): beim Bildhauer. Der Bildhauerzeichnung nun widmet Cogniat zwar ein eigenes Kapitel, aber das Thema wird allzu unscharf behandelt und dürftig belegt. Begriffliche Klärung ist Cogniats Stärke nicht. So finden wir im ganzen Buch keine genaue Charakteristik des Aquarells, ja der Verfasser bringt es tatsächlich fertig, schon im allerersten Satz des Buches fahrlässig flüchtig zu sein. Dort wird nämlich behauptet, das Aquarell werde manchmal auch Tuschpinselzeichnung genannt. Was gewiß nicht stimmt. Denn die Tuschpinselzeichnung ist, sofern man sie überhaupt zum Aquarell zählen will, eine besondere, mit Ostasien eng verbundene Gattung. Oder eben Zeichnung. Im Buch stehen Text und Abbildungen im Verhältnis allzu bequemer Unverbindlichkeit, Themen wie das Plakat und die Theaterdekoration werden zwar (obenhin) behandelt, aber durch Abbildungen werden die wackeligen Thesen des Verfassers nicht gestützt. Die sonst reproduzierten Werke weisen ein Niveau Gefälle auf, das nicht zu rechtfertigen ist, neben Meisterwerken sieht man nicht nur Zweit, man sieht auch Drittklassiges. Außerdem ist die Auswahl allzu zufällig und subjektiv. Werden auch Franzosen mäßiger Bedeutung des öfteren gezeigt, so fehlen zum Beispiel die Deutschen Liebermann, Grosz, Dix und Beckmann, was bedauerlich ist in einem Buch, dessen Stoff aus vielen Ländern Europas (und anderen Kontinenten) zusammengetragen ist. Aber auch ein Franzose wie Degas ist nicht zu finden. Werden auf verschiedenen künstlerischen Gebieten die Kritik und die schöpferische Leistung gelegentlich aneinander gemessen, so muß hier gesagt werden, daß die kritische Auseinandersetzung Raymond Cogniats hinter der Kunst unseres Jahrhunderts meilenweit zurückbleibt.
- Datum 14.04.1967 - 07:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 14.4.1967 Nr. 15
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