Eine Allianz ohne Fortschritt

Punta del Este oder das Ende der großen Ideen

Von Hans Gresmann

Vor einem halben Jahrzehnt, als Kennedy in Washington residierte, strahlten von der amerikanischen Hauptstadt große, mitreißende Gedanken aus. Die Idee vom Grand Design zündete in Europa; sie umriß die Konturen einer atlantischen Gemeinschaft.

Jene andere Konzeption, die das Etikett „Allianz für den Fortschritt“ trug, entfachte bei den Lateinamerikanern ein Feuer, das ganz offenbar nicht nur von Stroh gespeist wurde. Niemand freilich vermag zu sagen, ob die Visionen Kennedys nicht auch an den Realitäten zerschellt wären. Aber was Südamerika betrifft, so bestand – nicht anders als im Fall „Old Europa“ – die Chance, daß die petrifizierten politischen und sozialen Gebilde vom Atem der Gegenwart zerschmolzen werden könnten.

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Derzeit sieht es indes so aus, als ob die Versteinerungen kaum noch aufzulösen seien. Auch Johnsons südamerikanische Mission vermochte daran nichts zu ändern. Die Allianz präsentierte sich ohne Fortschritt, vielmehr in ihren vielfältigen und widersprechende Interessen, die sich mehr auf das Heute richten als auf gemeinsame Zukunftsprojekte.

Zwischen den Mimosenhainen und Prachtvillen des südamerikanischen Badeortes Punta del Este haben die wichtigsten Politiker beider Amerikas getagt, und man hat, in vorschnellem Wortschwall, dieses Gipfeltreffen in Uruguay als die Konferenz des Jahrhunderts bezeichnet. Was den äußeren Aufwand anbetraf, so möchte diese Einstufung vielleicht sogar zutreffen: eineinhalb Dutzend Präsidenten, ein Riesentroß von Ministern, Diplomaten und Politikern, rund zweitausend Journalisten – sowie nicht weniger als zehntausend Polizisten und Soldaten, um diese Gipfelveranstaltung zu sichern und abzuschirmen.

Aber war dies wirklich „die Konferenz des Jahrhunderts“? Gewiß, es war eine wichtige Zusammenkunft, denn hier ging es um nicht weniger als um die geschichtsnotwendige Entscheidung, den Subkontinent, der seit langem – zum Kummer und Ärger seiner Politiker – im Windschatten der Weltpolitik lebt, zu einer Einheit zu bringen.

Wirtschaftlich kann das riesige Lateinamerika mit seinen 250 Millionen Menschen, zersplittert in viele heterogene Staaten, die Bevölkerungsexplosion – drei Prozent pro Jahr – nur überstehen, wenn die partiellen Freihandelszonen, die bisher eher kläglich als erfolgreich funktioniert haben, umgewandelt werden in einen großen gemeinsamen Markt nach europäischem Vorbild.

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