Rothschild ließ bitten. Zum erstenmal in der Geschichte der Bankiersfamilie lud am vergangenen Mittwoch Baron Guy de Rothschild, Chef und Sprecher des französischen Privatbankhauses MM de Rothschild frères, die Presse zu sich ein. Anlaß war das 150jährige Jubiläum des Hauses. Vor den versammelten Journalisten kündigte Guy de Rothschild die Umwandlung der geheimnisumwitterten Geschäftsbank in eine Depositenbank an.

Das Bankhaus, das bis jetzt in Form einer Personalgesellschaft geführt wurde, wird Ende des Jahres in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die neue Gesellschaft, Banque Rothschild, soll ihr Kapital von zur Zeit 20 auf 50 Millionen Franc erhöhen und Zweigniederlassungen in der Provinz eröffnen. Hauptaktionäre der Bank sind: Guy de Rothschild mit 50 Prozent des Kapitals und seine beiden Vettern Alain und Elie mit je 25 Prozent. Gleichzeitig soll unter der Bezeichnung Compagnie du Nord (Kapital 400 bis 500 Millionen) eine Aktiengesellschaft gegründet werden, in die der größte Teil des Familienvermögens eingebracht wird.

Mit einer Bilanzsumme von 491 Millionen steht das Bankhaus nur an elfter Stelle der französischen Privatbanken. Viel wichtiger aber als die Bank sind die Beteiligungen, die die Familie und das Bankhaus in vielen Bereichen der Wirtschaft besitzt.

Die Rothschilds, die am Aufbau der französischen Eisenbahn sehr stark beteiligtwaren, sind Hauptaktionär der noch bestehenden Eisenbahngesellschaften. Durch die Societé d’Armement et de Gerance (Beteiligung 50 Prozent) kontrolliert die Familie 17 Reedereien, einige Werften und große Weinhäuser.

Am Ölgeschäft ist die Familie Rothschild über die Olding Socantar (23 Prozent), die wiederum 51 Prozent der Gesellschaft Antar besitzt, beteiligt. Das Schwergewicht der Beteiligung liegt bei Minen-Gesellschaften (Kupfer, Uran, Blei, Zink, Nickel). Außerdem besitzen die Barone oder ihre Bank Aktienpakete von mehr als 15 großen internationalen Gesellschaften.

Die amerikanische Zeitschrift „Time“ hat das Gesamtvermögen der Rothschild-Familie (etwa 80 Mitglieder) auf 500 Millionen bis 1 Milliarde Dollar geschätzt. Von den ursprünglich fünf Bankhäusern sind heute zwei übriggeblieben: das französische und das englische. Die englische Bank Rothschild and Sons ist immer noch ein Familienunternehmen. glp