Von Ekkehart Krippendorff

Daß einem altgedienten Journalisten, nur weil er seinen Wohnsitz von Washington nach New York verlegt und künftig nur noch gelegentlich schreiben will, in der internationalen Presse längere quasi-Nachrufe gewidmet werden, ist ein Phänomen. Aber ungewöhnlich ist vor allem Walter Lippmann selbst und sein Ruhm und Ruf weit über die USA hinaus. James Reston nannte ihn in einem Abschiedskommentar den „größten Journalisten unseres Zeitalters“.

36 Jahre lang – vom September 1931 bis zum Mai 1967 – schrieb er zwischen zwei- und fünfmal wöchentlich in der New York Herald Tribune seine Kommentare unter dem Titel „Heute und Morgen“. Sie wurden von mehr als 200 amerikanischen Zeitungen mit einer Auflage von rund zwölf Millionen nachgedruckt; hinzu kommen noch viele Millionen Exemplare in Übersee – ein einmaliger Rekord. Ganz gleich auf welche Lokalzeitung er abonniert ist, der amerikanische Leser fand bisher mit großer Wahrscheinlichkeit darin Lippmanns „Heute und Morgen“. Ob er es allerdings auch tatsächlich las, ist eine andere Frage. Lippmanns Kolumnen gelten als „ziemlich schwer“.

Lippmann aber schlägt noch einen weiteren Rekord: Fast ohne Unterbrechung schreibt er seit 1914. Zuerst für die noch heute bestehende linkslieberale New Republic dann – 1923 bis 1931 – als Verantwortlicher für die Meinungsseite in der später eingegangenen World, schließlich für die Tribune sein „Heute und Morgen“ und seit 1963 auch noch für Newsweek – eine Plattform, von der er auch nach seinem Abgang zukünftig zu hören sein wird.

Mehr als ein halbes Jahrhundert der größten politischen Ereignisse umgreift diese Periode und die Amtszeit von neun amerikanischen Präsidenten: Wilson, Harding, Coolidge, Hoover, Roosevelt, Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson. Und fast immer hat er es verstanden, seine Reputation zu wahren. Kaum jemals wurde er aggressiv oder parteilich im engeren Sinne. Nie hat er sich leergeschrieben und abgenützt. Er machte sich wenig Feinde und um so mehr Freunde. Bücher und Artikel wurden über ihn geschrieben. Auch er schrieb Bücher: mehr als zwanzig. Sie wurden in etwa vierzig andere Sprachen übersetzt. Auch ins Deutsche (Die Außenpolitik der USA, Die Gesellschaft freier Menschen, Die öffentliche Meinung).

Eines der Geheimnisse seiner Produktivität war seine rigorose Arbeitsdisziplin: Von 9 bis 12 Uhr morgens durfte ihn auch nicht der geringste Laut in seinem Washingtoner Arbeitszimmer stören. Dann erst hatte er Zeit für Freunde, Familie und Politiker, die es sich zur Ehre anrechneten, mit ihm zu sprechen.

Einst ein Sozialist