Wiesbaden

Geh nie mit fremden Leuten“, warnen Mütter ihre Kinder. Und dann folgen meist sehr verschwommene Andeutungen über die Gefahren, die damit verbunden sind. Aber die Kriminalpolizei weiß aus ihren Erfahrungen, daß es nicht nur „fremde Leute“ sind, von denen Kindern Gefahr droht. Die Täter kommen oft aus dem Bekanntenkreis. Der Fall Timo Rinnelt hat diese Tatsache auf grauenhafte Weise bestätigt: Der Mörder des Kindes wohnte mit der Familie Rinnelt unter einem Dach.

Wie es dazu kam, das ist eine „Geschichte, die das Leben schrieb“. Der heute 27jährige Klaus Lehnert, der gestanden hat, Timo Rinnelt erdrosselt zu haben, verlebte glückliche Jahre im Elternhaus, bis es das Schicksal anders wollte. An dem Tag, der sein Leben in eine andere Bahn lenken sollte, war Klaus zum Schwimmen in das Wiesbadener Hallenbad gegangen. Aber er war kein guter Schwimmer. Ein Mann rettete ihn vor dem Ertrinken. Der Lebensretter ist heute sein Stiefvater.

Die Familie, der Vater ein angesehener Wiesbadener Arzt, war voll des Dankes. Eine Freundschaft entwickelte sich daraus. Zwischen dem Retter und der Mutter war es mehr als Freundschaft. Jahre später, als der Arzt Dr. Lehnert starb, heiratete die Frau den Retter ihres Sohnes.

Der Stiefvater von Klaus Lehnert war nach dem Kriege nach Wiesbaden gekommen und hatte dort im Hause Wilhelmstraße 17 eine Wohnung gefunden. Dort zog später die Familie Rinnelt ein. Auch ein Kriegskamerad des Stiefvaters wohnte da, der 75jährige Sekretär der Stresemann-Gesellschaft, Joseph Scheidel. Später kam die Mutter des Stiefvaters hinzu, die aus der DDR übergesiedelt war.

Zu den Menschen, die in der Wilhelmstraße 17 wohnten, fühlte sich Klaus Lehnert immer wieder hingezogen. Denn: Der Junge kam mit seinem Stiefvater nicht zurecht. Freunde der Familie wollen wissen, daß Klaus von der Vorstellung besessen war, das enge Verhältnis zwischen seiner Mutter und seinem Lebensretter habe zum Tode seines Vaters beigetragen. Sicher ist, daß er an seinem Vater sehr gehangen hat.

Liegt hier der Schlüssel für das Verständnis seines späteren Lebensweges? Im Prozeß wird man sicher gründliche Gutachten von Sachverständigen dazu hören. Fest steht vorerst nur, daß sich seit dieser Zeit der junge Mann immer mehr zu einem zwar wohlgelittenen, aber immer häufiger kritisierten Außenseiter der Familie entwickelte. Seine Lehrer bescheinigten ihm Begabung, das Abitur aber schaffte er nicht. Er erlernte keinen Beruf und arbeitete mal hier, mal dort: Einmal in einem Photolabor, dann als Vertreter. Aber er liebte schon immer ein aufwendiges, bequemes Leben. „Ein Möchte-gern-Playboy“, sagt heute die Polizei.