Hamburg

Ich nahm eine Taxe mit Trennscheibe. Der Fahrer konnte nicht hören, wohin ich wollte. Er legte seine Hand ans Ohr und rief: „Lauter“. Ich rief zurück: „Königstraße 74“. Als wir vor einer Ampel halten mußten, rief er: „Wollen Sie sich nicht anschnallen?“ Ich rief zurück: „Meine Finger bleiben am Gurt kleben. Er ist mit Schokolade bekleckert.“ „Nachts fahre ich durchschnittlich zwanzig Personen“, rief der Fahrer. „Davon schnallen sich höchstens drei Personen freiwillig an. Sieben sind meistens betrunken, die kann ich ja nicht mit Gewalt anschnallen.“

Wir waren kurz vor dem Ziel. Der Fahrer sagte: „Ich möchte dort in die Parklücke hinein, können Sie mich einweisen? Bei dem Verkehr ist die Spiegelwirkung meiner Trennscheibe zu stark. Im Rückspiegel sehe ich nur eine Lichterwand.“

Zwei Stunden später stieg ich in eine Taxe mit aufschiebbarer Trennscheibe. Ich erzählte dem Fahrer, was mir vorher passiert war. „Die einen haben eine starre Scheibe“, zählte er auf, „die anderen eine zu einem Drittel aufschiebbare, die wenigsten eine versenkbare.“ Er starrte in den Rückspiegel, fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und sagte: „Eben bildete ich mir ein, daß jemand mit 120 km von hinten heranrast. In Wirklichkeit war es ein entgegenkommender Wagen.“

„Vielleicht müßte die Scheibe ein wenig schräg gestellt werden“, sagte ich. Der Fahrer antwortete: „Meinen Sie, daß ich nicht auch schon auf den Gedanken gekommen bin? Die Spiegelwirkung bleibt doch. Man kann am oberen Rand der Windschutzscheibe außerdem eine zehn Zentimeter hohe grüne Folie anbringen, aber das nutzt auch nichts.“ „Sie können sich immerhin mit ihren Fahrgästen unterhalten“, fuhr ich fort. „Jeder unterhält sich mit mir über die Trennscheibe. Ein fast zwei Meter großer Photograph wollte vorgestern die Spiegelwirkung knipsen. Beim Aussteigen riß er sich die Hose auf, machte dann aber trotzdem noch eine Aufnahme von mir.“

Die nächste Taxe hatte keine Trennscheibe. Der Fahrer erzählte: „Ich habe meine vorgestern ausbauen lassen, weil sie wackelte. Nächste Woche kommt sie wieder rein. Es ist allerdings auch möglich, daß sie vorläufig draußen bleibt. Durch die Trennscheibe werden alle Wagen in den Abmessungen zu klein. Außerdem – wie soll man da Leute mit Gipsbeinen unterbringen? Früher ließ ich Körperbehinderte neben mir sitzen, aber ich kann selber kaum meine Beine ausstrecken. Das merke ich in den Kniegelenken, da kribbelt es ununterbrochen. Und hier vorn stauen sich auch noch die Abgase. An heißen Tagen schalte ich am Taxistand das Funkgerät aus, stelle mich neben den Wagen und warte auf sogenannte Anläufer. In kühlen Nächten ist es vorn warm und hinten kalt. Ich weiß, es gibt aufschiebbare und versenkbare Trennscheiben. Ich nahm die billigste, das Geschäft ist rückläufig, seit dem 1. Juni haben wir in Hamburg schon zweihundertsiebzig Taxen weniger.“

„Sind Sie schon einmal überfallen worden?“ – „Vor vier Jahren dachte ich, nun ist es soweit. Aber der Mann war betrunken. Die Kollegen, die damals nach der Todesstrafe geschrien haben, sind zum größten Teil nicht mehr in unserem Gewerbe. Jeder Beruf hat schließlich sein Risiko. Die Inhaberin des Zigarrenladens in unserem Haus wurde kürzlich überfallen und liegt immer noch im Krankenhaus. Ich war immer für Alarmanlagen mit Funknotruf.“