Von Hans Peter Bul

Heinz Kraschutzki: Die Untaten der Gerechtigkeit. Vom Übel der Vergeltungsstrafe, dargestellt an III Fällen aus der Urteils- und Vollzugspraxis unserer Tage. Mit einem Vorwort von Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer. Szczesny Verlag, München, 365 S., 24,– DM.

Untaten der Gerechtigkeit?“ Wer sich, wie zahllose Richter, Staatsanwälte und Rechtsanwälte, täglich damit abmüht, ein Stück irdische Gerechtigkeit zu verwirklichen, kann ein so betiteltes Buch nur mit Unbehagen ansehen. Man weiß, daß Gerechtigkeit, auf die Spitze getrieben, ungerecht wird – summum ius summa iniuria. Aber was hat das mit dem Alltag der Strafrechtspflege zu tun? „Vom Übel der Vergeltungsstrafe“ – ist das nicht eine jener Verallgemeinerungen, die einen richtigen Gedanken falsch machen?

Solche Einwendungen werden in dem einführenden Abschnitt über „Sinn und Zweck“ der Strafe nicht ausgeräumt. Zu fragwürdig ist der Vergleich zwischen Medizin und Justiz, zu kurz sind die grundsätzlichen Argumente behandelt. Kraschutzki ist kein Philosoph; man erwarte von ihm keine tiefsinnigen Darlegungen über die verschiedenen Theorien vom Wesen der Strafe und des Rechts.

Aber er bringt zur Behandlung seines Themas etwas mit, was Professoren, Richtern und Anwälten fehlt: reiche praktische Erfahrung aus der Welt hinter Gittern. Kraschutzki war viele Jahre lang selbst Häftling; er saß, wegen politischer Delikte zu dreißig Jahren Freiheitsentzug verurteilt, von 1936 bis 1945 in spanischen Gefängnissen. Nach seiner Entlassung wurde dieser Mann, der alle Pein der Gefangenschaft erlebt hatte, Fürsorger und Lehrer im Strafvollzug des Landes Berlin.

Wenn Kraschutzki von einzelnen Schicksalen erzählt, die er im Gefängnis erfuhr, muß die Kritik an seinem „ungerechten“ Titel verstummen. Zahllose Fälle weiß er zu berichten, in denen die Justiz oder der Strafvollzug einen Menschen schwer geschädigt oder zugrunde gerichtet haben, der zu retten gewesen wäre; viele andere, in denen nur das entschlossene Eingreifen einzelner, oft gegen starre Gesetze und Befehle, ein größeres Übel verhindert hat. Fast jeder dieser Fälle rechtfertigt es, von „Untaten“ zu sprechen, und alle wurde sie begangen im Namen des Volkes, im Namen der Gerechtigkeit.

Nicht bloß die physische Mißhandlung von Gefangenen ist es, die der Autor kritisiert. Der deutsche Strafvollzug sei nicht grausam, wollte er ursprünglich schreiben – da kamen die Hamburger „Glocken“- und die Kölner Klingelpütz“-Affäre dazwischen. Kraschutzki wirft den Anstaltsleitern vor, sie hätten ihren Beamten nicht klar genug zu erkennen gegeben, daß sie gegen Schläger vorgehen würden. Auch die „guten“ Beamten, die die skandalösen Zustände geduldet hätten, und die Staatsanwaltschaft, die alle beschwerdeführenden Gefangenen für Lügner gehalten habe, treffe eine Schuld.