Von Joachim Schwelien

Washington, im Juni

Die amerikanische Außenpolitik unter Präsident Lyndon Johnson ist – zwischen San Domingo und Saigon –, oft des voreiligen und übermäßigen Engagements beschuldigt worden; im Nahostkonflikt dieser Tage war sie des verspäteten und zu geringfügigen Engagements anzuklagen. Weil sie davor zurückschreckte, die Blockade von Tiran mit einer handfesten Drohung notfalls im Alleingang gegen Ägypten zu beantworten, beflügelte sie die Illusionen Nassers, Israel werde es ungedeckt mit seinen arabischen Nachbarn nicht aufzunehmen wagen. Daraus ergab sich der israelische Präventivschlag.

Das Ergebnis ist ein Trümmerhaufen der amerikanischen Nahostpolitik, der nach dem Urteil einsichtiger amerikanischer Sachkenner hätte vermieden werden können. Der amerikanische Einfluß in den vorher befreundeten und in den bis zur Niederlage prosowjetischen Arabernationen wurde dezimiert. Israel hat so viele territoriale Faustpfänder in der Hand, daß sie ihm nur in einem kaum tragbaren offenen Zusammenspiel Amerikas mit der Sowjetunion zu entringen sein werden, es sei denn gegen eine handfeste (bisher umgangene) vertragliche Sicherheitsgarantie. Eine Neuorientierung der amerikanischen Nahostpolitik ist unvermeidlich. Ihre Umrisse zeichneten sich ab, noch ehe die Waffen schwiegen.

Den ersten Ansatz verrät Johnsons Versuch, die Kritik an seinem Verhalten in den entscheidenden Momenten der Krise mit dem Argument zu entwerten, das überragende Interesse der Vereinigten Staaten und des Weltfriedens hätte es erfordert, eine amerikanisch-sowjetische Konfrontation zu verhindern. Darum habe er eine rechtzeitige Parteinahme für Israel unterlassen. Diese Lesart wirkt um so eindrucksvoller, als tatsächlich in den Tagen höchster Spannung nichts so reibungslos funktionierte wie die Koordinierung des Einvernehmens zwischen Moskau und Washington. Die Gefahr eines Zusammenpralls der Giganten bestand zu keiner Zeit.

So paradox es klingen mag – der Schießkrieg in Nahost hat die sowjetisch-amerikanische Koexistenz des Eigeninteresses der Giganten in einer Bewährungsprobe gestählt und gehärtet. Das von den Experten der Atomraketen-Gegenwart popularisierte Klischee, jeder lokale Konflikt in einem Gebiet, in dem sich die Interessen der beiden Supermächte überschneiden, führe sie sogleich und automatisch an den Rand einer Konfrontation, stimmt nicht mehr. Er läßt sie eher mit noch größerer Sorgfalt gemessenen Abstand voneinander halten – solange nicht ihr tatsächlich vitales Interesse etwa durch einen Einbruch des Rivalen in die eigene Domäne berührt wird.

Solch eine Domäne aber ist der Nahe Osten für die Vereinigten Staaten nicht – trotz ihrer großen Ölinteressen oder seiner Bedeutung als Nahtstelle zwischen Europa, Afrika und Asien. Noch ist er es für die Sowjetunion – trotz ihrer großen Investitionen an Rüstungsmaterial und Wirtschaftshilfe für Araberländer wie Syrien und Ägypten. Der Nahe Osten ist für beide eine Art Haupt-Nebenkriegsschauplatz der Rivalität. In ein vitales Interessengebiet würde er sich erst dann verwandeln, wenn einer von ihnen es völlig beherrschte.