Von Kai Hermann

Berlin, im Juni

Berlins Studenten probten die totale Ordnung, als sie am Dienstag unter Polizeischutz zur erlaubten Demonstration schritten. Der Innensenator hatte ihnen auferlegt, für je fünfzig Demonstranten einen Ordner zu stellen. Einige tausend Studenten formierten sich daraufhin zu Blocks von fünfzig mit Armbinden versehenen „Ordnern“, zwischen denen ein als solcher gegekennzeichneter „Demonstrant“ marschierte. Die Polizisten hatten Schlagstock und Pistolentasche abgeschnallt und regelten den Verkehr. Die Demonstranten schonten die Anlagen der Bürger. Rasen und Rauchkerzen waren Tabu. Doch die demokratische Idylle trog.

Die Studenten waren von der Demonstrationserlaubnis überrascht worden und machten nur widerwillig von ihrem Recht Gebrauch. Der Ordnerulk hatte Methode. Er sollte jene „konzessionierte Freiheit“, die man ihnen gewährte, ad absurdum führen. Reden und Spruchbänder waren so aggressiv, wie es die Gesetze eben noch zulassen.

Die „Ordner“ äußerten auf Plakaten den „Verdacht auf politischen Mord“, forderten die Verstaatlichung des Springer-Konzerns („Bild schoß mit“) – und die Absetzung des Regierenden Bürgermeisters Albertz. Am Straßenrand drohten Arbeitergruppen, von Polizeigewerkschaft und „BZ“ zum Widerstand gegen die Studenten aufgerufen. Der Ruf nach Arbeitslager, Maschinengewehren für die Polizei und dem starken Mann, der endlich für Ordnung sorgt, wurde laut. Zwar hatten sich die Berliner Zeitungen plötzlich um sachliche Berichterstattung bemüht, zwar hatten Studenten in tage- und nächtelangen Diskussionen auf den Straßen um Verständnis geworben, die gutgemeinten Versuche aber schienen etwas spät gekommen zu sein.

Wohl selten wurde die Empfindlichkeit der Teilstadt deutlicher als in den letzten zwei Wochen. Die Einigkeit gegen den Kommunismus von gestern macht die Berliner nicht mehr stark, sondern schwach in einem notwendigen Prozeß des Umdenkens. Ressentiments gegen Andersdenkende, gegen „Westdeutsche“, gegen „Intellektuelle“ stoßen auf den emotionalisierten Protest gegen die „politische Friedhofsruhe“ Westberlins. Ältere Menschen meiden die Straßen. Man ist anfällig hier gegen politische Unruhe. Und Schüsse nun auch innerhalb der Mauern drohen Panik auszulösen.

Die politische Führung konnte kaum dazu beitragen, die Hysterie zu bremsen. Es schien Tage zu dauern, bis man im Schöneberger Rathaus überhaupt begriff, was geschehen war. Auch die Parlamentarier demonstrierten in einer Debatte auf dürftigem Niveau bloß Hilflosigkeit. Vergeblich bemühten sich einige jüngere Abgeordnete – vor allem der liberale Oxfort – um eine emotionslose Analyse der Situation.