Von Hansjakob Stehle

Fünf Tage lang hatte Moskau tatenlos zugesehen, wie der israelische Präventivschlag seine tatendurstig aufmarschierten arabischen Schützlinge traf, bis es sich mit seinen Verbündeten wenigstens zu einer Demonstration starker Worte aufraffte. Mehr als dies und der Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Israel wird aber kaum von der Moskauer Erklärung übrig bleiben, die als Ergebnis einer späten Gipfelkonferenz osteuropäischer Staatsführer versprochen hat, „alles Erforderliche zu tun, um den Völkern der arabischen Länder zu helfen, dem Aggressor eine entscheidende Abfuhr zu erteilen ...“

Als diese Erklärung über die Fernschreiber lief, schwiegen auf der Sinai-Halbinsel und in Jordanien bereits wieder die Waffen. Präsident Nasser hatte die Niederlage eingestanden – nicht ohne den Ursprung des Krieges wenigstens delikat anzudeuten: „Unsere Freunde in der Sowjetunion informierten unsere Parlamentsdelegation, die Anfang des letzten Monats Moskau besuchte, daß es einen Plan (Israels) gegen Syrien gab. Wir sahen, daß es unsere Pflicht war, das nicht schweigend hinzunehmen, unsere Streitkräfte rückten an die Grenzen vor ...“

Fünf Tage lang mußte sich die Sowjetunion von den Chinesen als „Verräter der Araber“ beschimpfen lassen, weil sie im Sicherheitsrat der Feuereinstellungsresolution ohne Rückzugsbefehl an die Israelis zugestimmt hatte – und dies noch mit solcher Verspätung, daß Israel seinen Anfangserfolg ausweiten konnte. „Einen Dolchstoß in den Rücken der Araber“ nannten das die Pekinger „Volkszeitung“ und ihr albanischer Ableger in Tirana noch am 9. Juni, dem Tag der Moskauer Gipfelkonferenz. Auch dieses Treffen konnte jedoch die ideologische Peinlichkeit nicht mehr aufheben: In falscher Einschätzung der arabischen Staaten, ihres Vernichtungswillens gegen Israel und ihrer militärischen Stärke hatte sich die Sowjetunion auf ein Risiko eingelassen, dessen Folgen eine Großmacht heute nur noch tragen kann, wenn sie ihre Verantwortung für den Weltfrieden oder ihr Prestige aufs Spiel setzt. Angesichts dieser Wahl entschloß sich Moskau, den Gesichtsverlust als kleineres Übel hinzunehmen.

Die schwankende, uneinheitliche Stimmung in den kommunistischen Parteien von Ost und West hat Moskau gewiß in diesem Entschluß noch bestärkt. Symptomatisch ist, daß sich unter der Moskauer Erklärung eine Unterschrift findet, die seit vielen Jahren unter gemeinsamen Deklarationen der Kommunisten fehlte: die Titos; daß aber eine andere Unterschrift verweigert wurde: die rumänische. Tito, der seit langem mit Nasser in fast sentimentaler Freundschaft verbunden ist, demonstrierte mit der Reise nach Moskau seine Treue zum ägyptischen Staatschef, benutzte aber zugleich die billige Gelegenheit, der osteuropäischen Kritik am jugoslawischen Reformmodell, die sich in letzter Zeit mehrte, das Wasser abzugraben. Und die Belgrader „Ekonomska Politika“ schrieb noch am 10. Juni: „Verständlich sind die Sympathien, die der humane und fortschrittliche Mensch heute für Israel hegt, das auch als Staat der Erbe all des unermeßlich Tragischen ist, was das jüdische Volk durch die Geschichte erlebt hat.“ Schlimm sei nur, daß Israel „objektiv“ zum Instrument der Imperialisten geworden sei ...

Solche zwiespältige Wertung konnte in Osteuropa, wo die Bevölkerung überall pro-israelisch fühlte und die Regierungen pro-arabisch redeten, nur in Rumänien praktische Folgen haben. Auch hier jedoch mehr aus Taktik als aus Einsicht. Bukarest hatte von Anfang an beide Kriegführenden zur Feuereinstellung aufgefordert und die Frage nach dem Angreifer offen gelassen. Als Partner im sowjetischen System mußte Ceausescu bei der Moskauer Gipfelkonferenz befürchten, daß die Sowjetunion jede gemeinsame Aktion zugleich zum Disziplinierungsversuch in ihrem Lager benutzen würde. Den Rumänen widerstrebte es aber auch, daß die Moskauer Erklärung nur vom „gerechten Kampf“ der Araber, von ihrem schließlichen Triumph und von Hilfe gegen Israel spricht, jedoch entgegen allen Koexistenzthesen kein Wort über Verhandlungen, über eine friedliche, die Rechte beider Seiten respektierenden Lösung: So formulierte Ceausescu nach der Rückkehr aus Moskau ein eigenes Dokument: Es bekennt sich mit den Arabern solidarisch, ohne Israel zu verurteilen, und verlangt einen Verhandlungsfrieden im Nahen Osten.

Auf dieser Linie bewegen sich auch die meisten westlichen Kommunisten, die es sich längst nicht mehr leisten können, sowjetische Agitationsschablonen unbesehen zu übernehmen. Für eine „Sicherung der Existenzrechte Israels“ und der Araber hat sich die italienische, französische, österreichische, britische und dänische KP vom ersten Augenblick der Krise an ausgesprochen.