Ein Teilinterregnum im deutschen Tourismus geht jetzt in Bonn zu Ende. Der CSU-Bayer Dr. Eberhard wird mit großer Sicherheit zum Präsidenten des Deutschen Fremdenverkehrsverbandes (DFV) gekürt. Damit endet das Ränkespiel um diesen wichtigen Stuhl im geheiligten Gral unseres föderalistischen Ferienmanagements. Als Chef der in diesem Dachverband koordinierten zwanzig regionalen bundesdeutschen Fremdenverkehrsverbände glaubt Eberhard genügend Macht zu besitzen, seinen Konzentrationsbemühungen ein haltbares Korsett zu verpassen. Seine Ambitionen zielen auf einen „Fremdenverkehrsrat“ hin, der die vielen bisher selbständigen Organisationen der Branche unter den berühmten großen Hut bringen soll.

Der profilierteste parlamentarische Experte in Sachen Tourismus, der Lindenfelser Bundestagsabgeordnete Wolfgang Schwabe, noch vor wenigen Wochen Mitfavorit im Rennen um den DFV-Präsidentensessel, dessen Wort auch im Ausland erhebliches Gewicht hat, zielt eine bundeseinheitliche Fremdenverkehrspolitik an. Seine Bemühungen gelten einem „Bundesausschuß für Fremdenverkehr“, der die vielgleisige Politik im Tourismus zu einer gemeinsamen Hauptstrecke vereinigt. Wie notwendig eine solche Koordination ist, beweist die Entwicklung des Reiseverkehrs in Deutschland.

Nur noch die Hälfte aller Deutschen verbringt ihren Urlaub innerhalb der Grenzen der Bundesrepublik. Unternehmen des Massentourismus erschließen ständig neue lukrative Fernziel; zu Pauschalarrangements, die den deutschen Ferienzentren das Odium der Attraktion nehmen. Die Übernachtungszahlen stagnieren, und das Lamento der Hotellerie zwischen Berchtesgaden und Flensburg wird verständlich, wenn man zur Kenntnis nehmen muß, daß im Jahresdurchschnitt zwei Drittel aller deutschen Hotelbetten unbenutzt bleiben. Trotz redlichen Mühens konnte unsere Auslandswerbung kein echtes „Germany-Bewußtsein“ jenseits der Landesgrenzen wecken So wurde die Reisedevisenbilanz zum Fiasko. Auf mehr als drei Milliarden Mark Ausländereinnahmen kamen doppelt so hohe Ausgaben deutscher Touristen jenseits der Grenzen. Es spricht sich langsam herum, daß die deutsche Burgen-Herrlichkeit, wie sie auf Kunstdruck zwischen New York und Bombay angepriesen wird, allein nicht ausreicht, um einen neuen touristischen Hochsommer an die Ostsee und in den Schwarzwald zu zaubern. So ist der Ruf der deutschen Fremdenverkehrfachleute nach Konzentration in der Spitze unüberhörbar geworden.

Es ist geradezu grotesk, wie viele Köche im Brei des deutschen Tourismus rühren. Da gibt es neben dem Deutschen Fremdenverkehrsverband als Dachorganisation für die regional autarken Verbände als zweite große Dominante die Deutsche Zentrale für Fremdenverkehr, die mit unserer Auslandswerbung beauftragt ist. Seit der Geschäftsführer dieser gewiß nicht unwichtigen Organisation, Professor Kittel, starb, wird dieser Platz von dem Praktiker Franz F. Schwarzenstein kommissarisch besetzt. Da noch kein Name für eine Nachfolge Kittels genannt ist, wird man vorerst weiter improvisieren. Hier drängt sich die Frage auf: Warum überläßt man dem brillanten Sachkenner Schwarzenstein diesen Posten nicht offiziell? Schließlich haben wir noch den Deutschen Bäderverband, den Deutschen Hotel- und Gaststättenverband und den Deutschen Reisebüro-Verband.

Die Gegner des Zusammenschlusses zwischen Fremdenverkehrsverband und Zentrale für Fremdenverkehr haben sich vorerst noch durchgesetzt. Der Grund, so argumentierten sie, liege vor allem in der Verschiedenheit der Finanzierung: Die Auslandswerbung erfolge zu 98 Prozent aus Bundesmitteln, die innerdeutsche Fremdenverkehrsarbeit aber lebe von Beiträgen der Länder und Gemeinden sowie von Verkehrsunternehmen. Außerdem müsse eine schlagkräftige Werbeorganisation für das Ausland von organisatorischen und verwaltungstechnischen Problemen, wie sie die innerdeutsche Fremdenverkehrsarbeit mit sich bringe, befreit bleiben. Schließlich sei eine höhere Wirtschaftlichkeit wegen der Verschiedenartigkeit der Aufgabengebiete ebenfalls nicht zu erreichen.

Dabei gibt es, blickt man über den Zaun zum Nachbarn, genügend Beispiele, wie sich Erfolg durch Konzentration erreichen läßt. In Italien fließt der Touristenstrom nach vorübergehender Stagnation vor zwei Jahren wieder bei unablässig steigendem Pegel. Die Italiener haben diesen Erfolg nicht allein der Sonne zu danken. Sie kennen keinen sich zerreibenden Verbands-Föderalismus. Hier hat das „Ente Nazionale Italiano per il Turismo“ (E.N.I.T.) die konzentrierte Federführung als einzige im Auftrage des Ministeriums für Veranstaltungen und Fremdenverkehr arbeitende Organisation. In England ist die Situation ähnlich. Hier hält die „British Travel Association“ (BTA) als von der Regierung eingesetzte Institution das Ruder fest in der Hand und besorgt sowohl Inlands- wie Auslandswerbung.

So wird es weiter kriseln in dem durch Verbandsbremsen eingeschränkten deutschen Tourismus. Seit fünfzig Jahren hat sich in der Gesamtlage nicht viel geändert. Schon 1917 rief man, wie Schwarzenstein berichtet, nach einem „Deutschen Verkehrsrat“, schon damals proklamierte man die Parole: „Deutscher, reise in Deutschland.“ Mit einer Resolution rief man vor genau fünfzig Jahren in Eisenach alle „auf die Förderung des Reise- und Fremdenverkehrs gerichteten Kräfte“ auf, sich zu einheitlicher Arbeit zusammenzuschließen. Die gleichen Gedanken äußerte kürzlich Dr. Rudolf Eberhard, bisher Vizepräsident des Deutschen Fremdenverkehrsverbandes, auf der Tagung einer weiteren, ebenfalls zur Branche gehörenden Organisation, nämlich des Verbandes Deutscher Kur- und Fremdenverkehrsfachleute in Burghausen an der Salzach.

So bleibt zu wünschen, daß es dem nervenstarken Wolfgang Schwabe nach fünfzigjährigem Dialog gelingt, endlich die selbstzerstörerischen, egoistischen Interessen der Verbände in einem Bundesausschuß zu gemeinsamer, fruchtbarerer Arbeit zu koordinieren. H. H.