Erstes und Zweites Programm: Verschiedene Sendungen der vorigen Woche

Als der Hochbetagte, ein Mann der Stunde und ein Meister der listigen Ränke, sehr friedlich gestorben war (von Blumen umgeben und im Kreise der Seinen, versehen mit doppeltem Segen), da hieß die Devise cis-moll, da war die Stunde der Kirchenmusik, und die Klassiker traten in ihre ältesten Rechte. Jetzt hingegen, wo die Kinder umkommen und junge Frauen sich wieder einmal ihr Witwenkleid schneidern, jetzt sehen sich die Berichte vom Brennen und Sterben durch Melodien aus der Chambre séparée eingeleitet, und Israelis oder Ägypter ziehen zwischen einem Krimi und der Moritat vom Stadtrat Hesselbach in die Schlacht. Das Massenelend, so scheint es, ist eine alltägliche Sache.

Aber so absonderlich, vor dem Hintergrund der Leichenspiele für den toten Kanzler, der Rahmen auch wirkte und so befremdlich das unbekümmerte Weiterwursteln im Angesicht der allgemeinen Angst erschien – die Berichterstattung war, alles in allem, dem Ereignis gemäß. Das UFA-Pathos, der Sondermeldungs-Ton markant artikulierender Sprecher wurde sorgsam vermieden. Sachlichkeit herrschte; in Interviews und Kommentaren war die Besorgnis der gebrannten Kinder erkennbar. Dem Vokabular fehlten die dramatisch-schrillen Akzente; statt zu spekulieren und aufs Geratewohl Fanfare zu blasen, begnügte man sich mit wohlabgewogener Formulierung, wiederholte eher Bekanntes, als daß man brisanten Gerüchten vertraute, gab beiden Parteien das Wort, vermied vorschnelle Bonmots und scheute sich nicht, dem Fragezeichen den Vorzug vor dem Ausrufezeichen zu geben.

Zurückhaltung also, Zweifel und Verbindlichkeit: Das war gut und machte das moralische Engagement, die Parteinahme der Friedfertigen für Israel, machte das Votum derer um so glaubwürdiger, denen Begriffe wie „doch damals waren wir noch nicht so weit“ oder „da mußte ich schweigen“ oder „jetzt aber ist unsere Stunde gekommen“ nicht eben unvertraut sind. Eine Woche lang wurde gezeigt, wie man auch über Vietnam berichten könnte, über die Kleinen, die sich dort ihrer Haut wehren müssen, über die Angst und den Zynismus, über den General Ky. (Man könnte es, jedoch man tut es nicht und schweigt, wenn in Saigon der Cäsar ohne Volk in Bruder Hitlers Maske schlüpft.)

Gegensätze bringen die Wahrheit zutage. Flotte Weisen, im Zeichen des Kriegs, dekuvrieren die Fernseh-Olympiade in Schwarz – damals, als, in der zehnten Lebensdekade, ein Greis den Tod fand, der ihm gnädig war. Die behutsamen Kommentare dieser Woche entlarven das leere Pathos der Vietnam-Reportage. Worte, die Nasser gelten, enthüllen das Schweigen über den General Ky. Die Dialektik ist nützlich.

Momos